Lichtungen 160

Maria, Romanauszug

Moser Barbara

Maria war schon drei Jahre nicht mehr hier, aber der Birnenbaum steht immer noch da. Krumm wächst er an der Kante des Kornkastens empor, die Granatsplitter, die die beiden Weltkriege hinterlassen haben, haben sich tief in sein Holz gebohrt. Er ist mit ihnen verwachsen. Im Frühling blüht er in Weiß mit einem zarten, kaum sichtbaren, rosafarbenen Schleier darauf. Eine alte Sorte müsse es sein, sagt der Großvater. Die wenigen Birnen, die der Baum noch trägt, schmecken jedes Jahr herb, wie lang der Sommer auch dauern mag.
Hinter dem Birnenbaum und dem Kornkasten ragt ein Hügel empor, genauer gesagt ein Hügelchen, auf dem die Apfelbäume stehen. Sie reihen sich dicht aneinander und nehmen sich gegenseitig das Licht. So bleiben sie zeitlebens klein und knorrig und im Spätsommer fallen winzige mehlige Äpfel von ihnen ab. An ihrer Oberfläche weisen sie ausgefranste faulige Stellen und Wurmstiche auf. Zwischen den Apfelbäumchen sprießen die Blumen, die nur zu wachsen scheinen, um von den Kindern zu Muttertagssträußchen und Kränzen verarbeitet zu werden. Hätte man Maria gefragt, was das Zentrum des Hofes ist: Für sie wäre es der Apfelhain mit seinen unzähligen Möglichkeiten gewesen.
Für den Vater wäre es womöglich die Werkstatt gewesen, zu der eine kurze, steile Treppe emporführt. Sie liegt hinter einer knarzenden Tür, die nur mit einem verrosteten langen Schlüssel geöffnet werden kann, mit dem der Vater in der Luft herumfuchtelt wie der Großvater mit seinem krakeligen Zeigefinger. Jetzt betet doch einmal ordentlich mit! Seid leise beim Essen! Helle Bretter hat der Vater in der Werkstatt fein säuberlich zu Stapeln geschlichtet, eines ums andere, Kante an Kante, der Boden ist gekehrt und nur aus den Ritzen, die sich zwischen den Dielenböden wie kleine Krater auftun, lugen an einigen Stellen Sägespäne hervor. Das Haus überlässt der Vater den Frauen, er überlässt sich den Frauen, in seinem eigenen Reich aber lässt der Vater nicht den Funken von Unordnung zu. An einer Wand baumeln Sägeblätter, von links nach rechts von groß nach klein klassifiziert, damit sie nicht verloren gehen können wie die jungen Kälber, die auf der Weide manchmal ausbrechen, gegenüber hängt ein Bild von Zita, der letzten Kaiserin von Österreich. Aber erst das Kreuz an der Wand gibt dem allen die rechte Ordnung. Ordnung ist das halbe Leben, aber ohne das Holzkreuz ist auch dieses halbe Leben nicht viel wert. Überhaupt ist hier fast alles aus Holz: die Werkbank, die Hobeln, die Arbeitsflächen. In die Zwinge ist ein verbogenes Stück Eisen gespannt, das vom Vater wieder zurechtgeklopft werden will, und auf der Werkbank tummeln sich abgegriffene Schächtelchen. Nägel, Schrauben und Muttern sind nach ihrer Größe einsortiert; und hätte der Vater sie nicht nach einer Gemeinsamkeit zusammengeschlichtet, wie sollte er sie jemals wiederfinden? Hätte er nicht von Vornherein Ordnung geschaffen, müsste er alles suchen wie eine Nadel im Heuhaufen und vielleicht würde es überhaupt verschwinden, vielleicht würden sich die Nägelchen in die Ritzen der Dielen verkriechen, vielleicht würden sich die Schrauben in die hintersten Ecken der Kästchen zurückziehen und dort durch einen Spalt ins Freie rutschen. Vielleicht würde die Hofhalbkugel ihren gierigen Rachen aufmachen und die Schräubchen und Nägelchen darin verschlucken.
Auf dem Hof ist alles mit allem verwachsen. Das Wohnhaus ist mit dem Stall verwachsen, der Stall mit der Milchkammer, die Milchkammer mit der Werkstatt, die Werkstatt mit dem Stadel, der Stadel mit den Heuböden, die Heuböden mit dem Hühnerstall, der Hühnerstall mit dem Misthaufen, der Misthaufen mit den Feldern, die Felder mit dem Fluss. Der Hof ist die Welt. Ein reißender Strudel ist diese Welt, ein Gefängnis, einmal drin, kommt man nicht mehr heraus. Man ist drinnen, ohne es im Geringsten zu ahnen, der Eingang ist ja überall, er verfolgt einen überall hin, dieser Eingang, er ist im Wald oder auf der Straße. Einmal nicht aufgepasst, schon ist man in diesem Geflecht gefangen und kommt nicht mehr heraus. Man bleibt daran haften, daran kleben wie die Zungen der Kinder auf dem Melkgeschirr im Winter. Nur kurz die Augen zumachen, einatmen, ausatmen, es dauert ja nur eine Sekunde, das geht ganz schnell vorbei, keine Sorge, es ist nur ein kurzes Brennen und ein schneller Ratsch, und schon ist der Mund wieder frei und die weißen Hautfetzchen eisen auf den Eimern ein und verlieren sich im Weiß der Milchtropfen, die an der metallenen Außenseite wie in Zeitlupe abperlen.
Der Stall ist voller Nischen, er ist eingeteilt wie die Nägelchen, eingeteilt in die Boxen für die Schweine und für die der jungen Kälber, in den Verschlag für die Hasen, in den Schacht, durch den das Stroh befördert wird und in die Mistrinnen. Überall sind Rechtecke, seltener auch Quadrate, die Schweinebox ist fast quadratisch, und in ihr hängen sechs Ferkel an den Zitzen einer Sau wie später in der heißen Wanne an ihrem Leben. Durch die Quadrate und Rechtecke schlängeln sich die Bauern mit ihren Schubkarren, sie ziehen die Köpfe ein, um die sie Tücher gebunden haben, sie gehen mit den schweren Milchkannen ein und aus und mit den mit Mist aufgetürmten Schubkarren, sie fegen die Gänge entlang mit ihren Reisigbesen, sie schaben den Dreck vom Boden ab. Der Dreck ist braun und der Boden auch, und über die Jahre weiß niemand mehr zu sagen, welche Farbe der Untergrund ursprünglich hatte. Ist er nun grün oder braun? Die Kinder fahren geduldig mit dem Schaber auf und ab, auf und ab über die Gänge. Sie jagen den Röllchen nach, die erst klein sind und dann immer größer, sie gehen vom Boden ab wie Schokolade von einer Raspel.
Der Mist klebt am Boden fest und auch am Gemäuer, das im unteren Drittel braun gestrichen ist. Er haftet an den Stiefeln und an den Pullovern, an den Kuhschwänzen und den Wassertränken. Einmal die Schaufel aufstellen, schau her, die spitze Kante voran, damit wir den Mist schön aus allen Richtungen in die Rinne kratzen können. Im Winter braucht es viel Balancegefühl, um die vollbeladene Scheibtruhe über das wackelige Brett auf den verschneiten Gipfel des Misthaufens zu karren. Kaum auszudenken, wenn der Vater damit kopfüber in die gefrorene Masse stürzen würde. Der Dreck wandert auf die Felder, ehe er an den ersten Frühlingstagen aufzutauen und in seinem eigenen Sud dahin zu rinnen droht. Der Mist kommt auf die Felder, die Felder sind neben dem Wald, der Wald wird zum Berg, der Hof ist die Welt.
Der Hof riecht, wie ein Jauchefass versprüht er seine Gerüche in alle Richtungen, in alle Himmelsrichtungen. An keiner Stelle ist er geruchlos. In jeden Raum ist der Mist über die Jahrhunderte schon gekrochen, er ist in jede Schicht des Gemäuers eingedrungen, hat sich im Inneren der Möbelstücke festgesetzt. Der ganze Hof hat den Mist gespeichert, eingesogen und nicht mehr ausgespuckt. Man müsste das Wohnhaus niederreißen und den Stall, das Geschirr zerschlagen, die Kreuze zerhacken und ein neues Fundament ausheben, nur um ihn loszuwerden. Was für ein Aufwand das wäre, aber mit Ausräuchern ist es hier nicht mehr getan. Der Mist ist die Grundnote, und darüber legen sich andere, feinere: Brotgewürz, Holz und Zeitungspapier. Geselchtes, Dörrobst, Holunderblüten und Marillenmarmelade. Die Gerüche locken in alle Winkel des Hofes, sie dringen eiskalt und prickelnd von den Benzintanks im Inneren des Kornkastens nach außen. Sie führen lüstern zu den Klebern in die Werkstatt, zu den Metallen und Holzstapeln. In der Milchkammer riecht es säuerlich-vergärt, aus dem Keller dringt der Gestank von ammoniakgetränkter Stallkleidung und von Gummistiefeln, von vertrocknetem Blut und von fauliger Blumenerde. Karotten stecken in einem abgedunkelten Raum kopfüber im Sand. Von den Heuböden dringt ein blumiger Geruch, und auch der Großvater riecht nach selbst gemachter Ringelblumensalbe.
Im Winter sind die Felder schnee-, im Frühling, im Sommer und im Herbst mistbedeckt. Auch die Felder sind eingekesselt wie langgezogene Rechtecke, wie die Nägel in den Schächtelchen, wie die Schweine in den Boxen, das Rechteck fängt hinter dem Haus an und endet erst beim Fluss. Die Felder sind gezähmt und gebunden, ein Garten und ein Kartoffelfeld sind ihnen abgerungen, der Bereich ist mit Stöcken markiert, mit Schnüren umspannt. Vom Haus bis zum Fluss, vom Feldweg bis zum Fahrweg sind die Felder eingezäunt. Das Gras wächst wild, und so versucht man es zu zähmen, der Vater spannt Drähte um die Äcker herum. Die Grenzen steckt er eng, er steckt sie täglich nur ein wenig weiter, und die Kühe recken ihre Hälse unter den Seilen hindurch. Mit gieriger Zunge reißen sie am wilden Gras – aber vergeblich. Der Vater hat alles akkurat gespannt, da gibt es kein Durchkommen, für ihn ist das Zaun-Umstecken wie eine Meditation. Er sagt, da stehe er auf den Feldern und sehe der Sonne frühmorgens hinter den Bergen beim Aufgehen zu, und er fühle sich frei; frei, tun und lassen zu können, was er wolle, nicht wie Maria, nicht wie die Leute in der Stadt. Die würden jeden Tag gekrümmt auf ihren Bürostühlen sitzen, auf dem Arbeitsweg mit zusammengekniffenen Augen in den grauen Himmel blinzeln, nachdem sie sich aus ihren engen Wohnungen und überheizten Schlafzimmern gequält hätten. Stattdessen schaue er lieber über das Land, sein Himmel ist blau, das Gebirge strahlt in silbrigem Grau, die Wiesen in saftigem Grün. Die Schwalben fliegen quer durch die Luft, sie sind noch nicht im Süden, sie lassen sich treiben, ohne zu wissen wohin.
Das Land ist groß, aber nicht weit, links und rechts wird ihm von den Bergen Einhalt geboten. Die Berge zäunen die Felder ein, sie zäunen alles ein, sie spannen einen Rahmen um die Kirchen und Kühe, die Wiesen und die Brunnen. Das Leben ist eingerahmt wie ein Bild. Soweit das Auge reicht, schaffen die Berge Ordnung. Hinter den Felsen, so könnte man sich ausmalen, würde womöglich das Chaos beginnen, die Kühe würden dort wild galoppierend über die Straßen laufen, die Kinder im Winter barfuß über die Felder flitzen, die Alten rauchend auf einer Hausbank sitzen. Die Milchkannen wären an den Rändern mit einer fetten Rahmkruste überzogen und der alte Bauer würde seinen Gehstock hineinstecken, um einmal kräftig umzurühren. Die Nachbarin würde womöglich keck lächelnd in einem schwarzen Spitzen-BH aus dem Fensterchen ihres blauen Hauses spähen und sich so lange der Sonne zudrehen, bis jemand sie entdeckt. Sie würde diesem Jemand zuzwinkern. Der Vater würde Bücher nehmen, am helllichten Tag, er würde daran riechen, in ihnen blättern und in ihnen lesen. Er würde lachen, weil er einige Passagen so amüsant finden würde, er würde Tränen lachen. Er würde die Zeit vergessen und überhören, dass die Mutter ihn zum Mittagessen ruft. Er würde sich nachmittags in sein Bett legen und schlafen, um dann, wenn die Sonne allmählich untergehen würde, wieder aufzustehen. Ob der Vater hinter den Bergen auch beten würde?
Auf dem Hof lauert der Tod, man kommt um ihn nicht herum, er ist eingezäunt in die Hofhalbkugel, er ist mit ihr verwachsen wie alles mit allem hier. Er versteckt sich in den Mistrinnen, wo die kleinen zerteilten Katzenkörper liegen, manchmal kommt er ganz unterwartet unter den schweren Kuhleibern; in einem unachtsamen Moment drücken sie die Kätzchen platt. Er treibt sein Unwesen unter den Kuhleibern und in den Kuhleibern, wo die Zwillingsföten absterben, auf den Klebestreifen, wo die Fliegen um ihr Leben surren, auf den Feldern, wo gerade gemäht wird und sich die Rehkitze im hohen Gras verstecken. Der Hof ist eingezäunt, aber doch voller Gefahren, in ihm lauern Schlaglöcher und Gruben, Böschungen und Luken. Die Hänge rutschen ab, die Blitze schlagen ein. In der Jauchengrube kann man ertrinken, im Silo ersticken, im Stadel, wenn das Heu feucht ist, verbrennen, in der Werkstatt in eine Säge laufen, durch die Strohluke fallen, vom Traktor überrollt werden.
Der Tod schlägt vor dem Misthaufen zu, wo die Schweinewanne steht, an den Gründen der Heuböden, wo die Katzenmütter ihre Jungen verstecken, die sich durch ihr ahnungsloses Miauen selbst verraten, er kriecht in die Schöße der Frauen, in die Zimmer der Alten. Der Tod hat seine Heimat in der Stube, wo die Verstorbenen aufgebahrt werden, er ist im Keller daheim, wo die Schweinehälften von der Decke baumeln, er ist in der Küche in den Suppentöpfen, wo die Schädel der Hirsche sieden und einen entsetzlichen Gestank verbreiten. Mal kommt der Tod brutal daher, mit einem Beil und mit Sägen, mit geschliffenen Messern und mit Äxten, das Blut rinnt in Strömen dahin und die Felle werden mit einem Krachen von den Leibern gezogen. Dann ist er wieder sanftmütig, kommt nachts und ganz leise, damit ihn ja keiner hört. Dann will er unaufdringlich sein und niemanden stören. Aber manchmal klopft er auch an, daran glaubt zumindest der Großvater: Wenn der Tod jemanden geholt hat, dann klopft er an. Er will nicht, dass sein Werk unentdeckt bleibt. Wie ein Poltergeist rumpelt er dann in den Kammern, er hämmert wie wild gegen die Wände. Soll der Teufel ihn holen, möchte man sagen, aber wer will schon zur Hölle fahren? Sogar bei den Begräbnissen schleicht der Tod, schon wieder hungrig trotz frisch gerissener Beute, umher. Man kann ihn nicht abschütteln, nicht mit Weihwasser verscheuchen wie den Teufel, der Pfarrer weiß das und ruft vorsichtshalber zum Gebet. Wir beten nun für denjenigen in unserer Mitte, der dem Verstorbenen als Nächster ins das Reich Gottes folgen wird. Ein Gemurmel, ein Vaterunser, und alle schauen sich verstohlen nach diesem Nachfolger um.
Einen Überschuss am Sterben gibt es auf dem Hof und einen Überschuss am Leben. Das Leben ist, es reproduziert sich ständig selbst, die Kühe werden besamt und gebären, wie in Endlosschleife, das Gras wächst, kaum ist es geschnitten. Das Leben will aus jeder Ritze hervorbrechen, es drängt sich auf. Es wird abgewürgt, kleingemacht, geschnitten, gestutzt, zurechtgebogen, nicht gelebt, aber es kommt immer wieder, es lässt sich nicht zähmen. Das Unkraut sprießt zwischen den Pflastersteinen hervor, die Mutter hat sechs Kinder, die Großmutter zehn, die Katzen werfen weiter unbelehrbar ihre Jungen in den Heuböden, der alte Birnenbaum trägt Jahr um Jahr seine ungenießbaren Früchte aus.
Auch die Arbeit hört niemals auf. Sie währt ewig. Sie ist geduldig. Sie ist langmütig. Sie bleibt da, auch wenn man sich nicht um sie schert, sie bleibt da, auch wenn man sich um sie schert. Ignorieren macht sie nicht weniger, abarbeiten ebenso nicht. Sie hört niemals auf. Die Arbeit ist überall, sie liegt brach auf den Feldern, sprießt in den Gärten, brütet im Stall vor sich hin, sie wartet in der Milchkammer, in der Stube, in der Küche, bei den Kindern. Sie lässt sich nieder auf den Leibern der Frauen, die vier statt zwei Hände haben müssten. Wenn der Boden gewischt ist, ist die Wäsche aufzuhängen, wenn die Kinder angezogen sind, ist Frühstück zu machen, wenn der Topfen gestürzt ist, ist die Molke abzuseihen und soll die Mutter einmal pünktlich irgendwo sein – in der Kirche oder auf dem Bahnhof – wartet schon der Vater mit zugeknöpfter Jacke und tritt von einem Bein aufs andere. Im letzten Moment eilt die Mutter dann herbei, in einer Hand noch die Bürste, um sich die Haare zu frisieren, in der anderen eine Kinderhose, an der Nadel und Faden hängen, legt die Sachen beiseite, zwängt die Füße in die engen Stiefel und huscht hinaus.
Die Ankunft
Heute kommt Maria, und die Mutter schwirrt mit dem Staubsauger quer durch das Haus. Sie fährt sorgfältig über den Boden und holt den Staub aus jeder einzelnen Ritze. Sie kennt die verborgensten Winkel, jeden davon hat sie zumindest einmal geputzt, ist mit ihren Fingern daran entlanggefahren. Sie hat sich das Haus und den Hof mit ihren Händen erobert. Die Mutter weiß, wo das Holz gleichmäßig gemasert ist und wo ungleichmäßig und wo der Fußboden Einkerbungen hat. Sie weiß, wie man barfuß über die rauen Stellen geht, ohne sich einen Schiefer einzutreten. Man muss sich ein wenig auf die Zehenspitzen stellen und leicht seitlich darüber tänzeln. Die Knöchel der Mutter knacksen beim Gehen. Wenn im Haus etwas verloren geht, findet die Mutter es wieder. Sie sieht die Schwächen des Hauses, jede einzelne davon, sie weiß, wo es nachgibt, nachlässig wird, wo es rissig wird und brüchig, wo das Holz arbeitet und knarzt. Sie sieht die Flecken, die an den Mauern mehr werden, die Schwärze von Schuhen und Ruß.
Die Mutter hebt die jagdgrünen Filzpatschen des Vaters ein wenig vom Boden auf, sie behält sie in Händen, sie wischt auf. Auf dem Boden zeichnen sich kleine eingetrocknete Schmutzseen ab. Er muss mit ihnen ins Freie gegangen sein, wieder einmal, er geht mit den Straßenschuhen in die Stube und mit den Filzpatschen ins Freie. Die Mutter verrückt die meterhohe Vase nur ein ganz kleines Stück. Sie ist bloß zur Dekoration da, keine Pflanze braucht so viel Wasser, vor allem keine vertrocknete Pflanze, keine vertrocknete langstielige weiße Rose. Die Mutter staubt sie mit einem feuchten Geschirrtuch ab, sie reibt den Schmutz immer tiefer hinein in das verblichene Grau.
Falls sie mit der Arbeit hinterherkäme, würde die Mutter Maria vom Bahnhof abholen. Viel Zeit würde bis dahin nicht bleiben, sie hatte noch so viel zu tun. Der Eimer mit den Essensresten müsste zu den Schweinen getragen werden. Die Fenster müssten geputzt werden. Die Vorhänge müssten gewaschen werden. Die Speisekammer müsste entrümpelt werden. Der Kuchen müsste gebacken werden. Soll sie das gute Geschirr aufdecken oder doch das normale? Das Werktagsgeschirr ist so unfestlich, es ist überall abgeplatzt, die Tassen passen nicht zueinander. Andererseits, denkt sich die Mutter, ist Maria auch keine Fremde hier.

Der Vater wandert auf dem Feld auf und ab, die Zaunlatten hat er unter die rechte Achsel geklemmt, zwischen die Lippen presst er einen dicken Nagel. Normalerweise ist er flink bei der Arbeit, aber er hastet nie, er hat die Schnelligkeit eines Routiniers, nur heute ist er nicht bei der Sache. Die Arbeit will ihm nicht recht von der Hand gehen, sie fließt zäh dahin, sie beschwert ihn, er hat vorhin mit dem Hammer nur knapp an seinem eigenen Daumen vorbeigeschlagen. Die Zeit vergeht nicht, sonst vergeht die Arbeit nie, der Vater hat schon Hunger, obwohl erst Vormittag ist. Um drei Uhr wird Maria ankommen. Sie kommt mit dem Zug. Soll er sie abholen? Erwartet sie das von ihm? Sie weiß doch, dass das nicht geht. Wie würde das aussehen – ein Bauer, der von der Arbeit wegläuft? Hat der nichts Besseres zu tun, an einem helllichten Tag? Und wozu eigentlich? Sie wird einen kleinen Koffer haben, den kann sie alleine tragen, sie bleibt ja nicht länger als zwei Tage hier.
Der Bahnhof ist nah und wenn der Vater zügig geht, könnte er innerhalb von zehn Minuten wieder bei seiner Arbeit sein. Aber was sollte er zur Begrüßung denn sagen? Man muss doch etwas sagen, irgendetwas, wenn man sich drei Jahre lang nicht gesehen hat. Er könnte sich nach der Fahrt erkundigen, ob alles gutgegangen sei. Hast du umsteigen müssen? Wie war das Wetter unterwegs? Er könnte fragen, ob er Maria den Koffer abnehmen solle. Aber wohin dann mit seinem Arm? Sollte er ihn Maria entgegenstrecken oder ihn um sie schlingen? Er könnte die Arme auf seinem Rücken zusammenknoten. Der Knoten wäre so fest, er könnte ihn nicht so einfach lösen. Das würde Maria sicherlich verstehen. Was aber, wenn sie ihn trotzdem umarmen würde, ihn, das Stück Holz? Vielleicht würde aber auch er sie sehen und könnte sich ganz plötzlich nicht länger halten. Er würde sich von seinem Knoten losreißen, sich an ihren Hals hängen und weinen wie ein Kind.
Maria wird schon aus ihrer Stadtwohnung, in der der Vater noch nie war, aber die er sich beengt und mit niedrigen Decken vorstellt, gegangen sein. Ihr Wecker wird oft geläutet haben, wahrscheinlich steht sie immer noch schwer auf. Sie wird ihren Koffer über die lärmende Straße gezogen haben. Sie wird ihren finsteren Blick aufgesetzt haben. Sie wird schon in den Zug gestiegen sein, mit dem sie hier ankommen wird. Sie wird sich, so ist sie nun mal, gefragt haben, ob sie im richtigen Zug ist, obwohl sie das ganz genau weiß. Sie wird schon auf den gepolsterten blauen Sitzen mit den kleinen gelben Quadraten Platz genommen haben. Sie wird schon bei Wiener Neustadt vorbeigefahren sein und bei Bruck an der Mur auch. Der Vater weiß nicht, ob sie bei einem Halt schnell ausgestiegen sein wird, um eine Zigarette zu rauchen. Raucht sie noch?
Während er hier auf dem Feld steht, rückt Maria Meter um Meter an ihn heran. Er steht einfach hier, aber der Zug, in dem sie sitzt, schiebt sich unaufhaltsam in seine Richtung. Sie wird nicht an einem falschen Ort aussteigen, sie ist auf dem Weg hierher. Genau hierher. Sie wird ihn finden, steif stehend auf seinem Feld. Aber jetzt wäre noch Zeit. Jetzt könnte er noch weglaufen, vor dem Zug davonlaufen. Aber wohin? In den Wald oder auf die Alm. Aber wo sollte er schlafen? Nachts würde es kalt werden und er würde frieren. Er würde auf dem feuchten Waldboden kauern und aus der Ferne versuchen, einen Blick auf Maria zu erhaschen. Wie sie jetzt wohl aussieht? Ist sie auch älter geworden, so wie er? Der Vater bemerkt in letzter Zeit im Spiegel immer öfter einen alten Mann. Mit einem Ruck sind die Haare weiß geworden. Ob Maria auch schon ein paar von seinen weißen Haaren hat?
Der Vater schämt sich jetzt dafür, dass er fliehen will. Vor jemandem fliehen zu wollen, verstößt das nicht gegen die Nächstenliebe? Jesus predigt, man solle den anderen lieben wie sich selbst. Man solle die rechte Wange hinhalten, wenn einem jemand auf die linke schlägt. Die Mutter predigt, man solle lieber Unrecht erdulden als Unrecht tun. Und was tut er? Flüchtet. Da wollte er jahrelang, dass Maria ihn endlich besucht, und dann will er vor ihr fliehen. Er hatte es ihr nicht gesagt, aber gewünscht, ja, das hatte er es sich. Sie hatte ihn eingeladen, mehrmals, zu ihr zu kommen, aber ein Bauer wie ich ist nicht für die Stadt gemacht. Ein Bauer wie ich versteckt sich lieber. Ein Bauer mag keinen Besuch, er fremdelt, er versteckt sich davor. Ja, er würde sich einfach unsichtbar machen, wenn Maria käme. Er würde soweit auf das Feld hinausgehen, fast bis zum Fluss, dort, wo der Hang steil abfällt, und wo man ihn vom Haus aus nicht mehr würde sehen können. Wenn jemand nach ihm rufen würde, würde er einfach nicht kommen. Er würde später sagen, der Fluss habe so laut gerauscht und die Vögel hätten gesungen. Die Natur stehe ihm bei! Er könnte sich auch in der Werkstatt verkriechen, ja, das wäre viel klüger, er würde seinen Gehörschutz aufsetzen und mit der Kreissäge Bretter schneiden. Das ist längst überfällig, er würde tatsächlich nichts hören, es wäre nicht gelogen, er würde gegen keines der Gebote verstoßen. Er würde die Uhr neben die Kreissäge legen und sie im Blick behalten. Sein Herz würde laut schlagen und unter dem Lärm würde der Vater schon um zehn vor drei das Rattern eines herannahenden Zuges auszumachen glauben.

Maria sitzt im Zug und starrt zum Fenster hinaus. Was für eine langweilige Landschaft, denkt sie bei sich, wie unglaublich eben und flach. Ihr scheint, als hätten die Menschen die Langeweile ihrer Landschaft in die Langeweile ihrer Häuser einzementiert.
Die Berge, denen Maria entgegenfährt, hat sie nie als langweilig empfunden, sie haben sie beschützt, haben sie eingerahmt. Berge geben sich draufgängerisch und wild, sie ragen mit ihren Spitzen pfeilgerade wie Hände in den Himmel, als würden sie ihre Finger ausstrecken und wollten nicht einsehen, dass sie ihn niemals erreichen. Sie leuchten bläulich in der Dämmerung und gelblich im Sonnenschein. Im Winter erstarren sie unter Eis und Schnee, sie begraben alles Lebendige unter sich. Sie werfen Menschen und Tiere ab. Sie sind hochnäsig, aber sie dulden selbst keine Hochnäsigkeit. Manchmal wächst Wald auf ihnen, dann ist ihr Untergrund bemoost und sie riechen nach Harz.
Der Wald bietet Unterschlupf, auch für den Vater, er versteckt sich gerne darin. Ob er sich, während Maria hier Kilometer um Kilometer absitzt, wohl schon in ihm verkrochen hat wie eine Schnecke in ihrem Haus? Vielleicht ist er probeweise dort, um sich einen bequemen Platz zu sichern. Ob die Mutter schon alles saubergemacht hat? Oder erledigt sie das immer noch ganz hektisch und am Schluss? Vielleicht haben die Eltern sich ja geändert in der Zwischenzeit. Älter sind sie bestimmt geworden, der Vater trägt jetzt eine Lesebrille. Was wird das Erste sein, was man einander zu sagen hat? Wird man einander etwas zu sagen haben? Maria wird sich nach dem Bruder erkundigen und nach seiner Frau, sie wird fragen, ob jemand im Dorf gestorben sei. Sie wird der Mutter zuvorkommen mit dieser Frage. Die Mutter wird ihr erzählen, dass der Pfarrer Unfug predige, ein paar Wanderer seien verunglückt, der Nachbar sei pleite wegen seiner Sauferei. Der Vater wird spät kommen, zwischen Tür und Angel stehen bleiben, die Hand zum Gruß heben und fragen: Wie geht’s?
Maria hat heute Morgen eine Schwere gespürt, als sie aufgestanden ist, sie war müde und matt, ihre Arme haben gekribbelt, von der Schulter bis zu den Fingern. Sie hat schlecht geträumt, halb-dämmernd, halb-wachend vor sich hin geschlafen. Sie hat sich hin und her gewälzt, hat in der Finsternis gewartet, bis der Wecker läutet, unruhig und zappelig wie ein Kind. Maria hat ihre Beine mit einem Schwung aus dem Bett gehievt und fest abgestellt auf dem Grund.
Nun breiten sich die vielen Kilometer zäh vor ihr aus, sie füllen die ebene Landschaft, nach allen Seiten hin. Wie weit ihr die Reise nun vorkommt, in ihrem Untätigsein, in diesem völligen Nichtstun, so weit wie vielleicht einem Kind. Maria schreitet das Abteil, in dem sie alleine sitzt, auf und ab. Sie vermisst innerlich seine Größe und versucht zu vergleichen, ob ihr Kinderzimmer eigentlich auch so klein gewesen sein mag. Sie stellt sich vor, ob sie es in einem Raum dieser Größe für zwei Tage aushalten würde können.
Der Zug fährt stur in eine Richtung, er kehrt nicht um, aber Maria kann immer noch umkehren. Sie könnte aussteigen, umsteigen und am Abend wieder zu Hause sein. Sie könnte sich freuen, diese trostlose Landschaft ein für alle Mal hinter sich gelassen zu haben. Schon am Morgen wollte sie umkehren, eigentlich, sie hatte den starken Drang dazu, die Übelkeit kroch ihr den Rachen hoch, aber dann zog ihr Koffer sie hinaus und ihr Schlüssel sperrte hinter ihr ab. Sie war plötzlich auf der Straße, und schon fiel die Haustür hinter ihr ins Schloss. In der U-Bahn wollte sie an den geschlossenen Türen rütteln, aber was sollten die Leute denken? Sie wollte nicht wie eine Wahnsinnige erscheinen. Und dann: Was sollte es bringen, bei irgendeiner beliebigen Station auszusteigen? Zu Hause war sie ohnehin nicht mehr, der Waggon war längst in Bewegung, da konnte sie auch direkt zum Bahnhof fahren und dann weiter zum Zug.
Etwas würde es sein, was sie als Letztes tun würde, bevor sie ihren Koffer in die Hand nehmen und aus dem Zug steigen würde. Solange es noch etwas gibt, was es zu tun gilt, damit beruhigt sich Maria jetzt, würde sie nicht ankommen müssen. Solange es noch etwas, eine einzige Sache, zu tun gibt, würde sie noch daheim sein und nicht auf dem Bergbauernhof. Die Leute würden noch in der U-Bahn sitzen und in die Arbeit fahren. Die Fußgänger würden immer noch an der Ampel warten und die Blumen auf dem Balkon würden immer noch vor sich hinblühen.

Lichtungen 160

Fleischwade. Drama.

Gindlstrasser Theresa Luise

 

 

 

 

 

Mutter
die älteste (Tochter)
die mittelste (Tochter)
Kindeskinder (so viele Enkelkinder)
die kleinste (Tochter)
Doktorin Sommer
König (eine leise Rolle)

/// bedeutet chorisch gesprochen
– bedeutet abwechselnd gesprochen

Mutter und die älteste und die mittelste und Kindeskinder und die kleinste und König sitzen rund um einen recht üppigen Mittagstisch.

Kindeskinder
Wir erzählen euch das Märchen vom kleinen Prinzen der gegen einen Baum gefahren ist. Mit einem Auto. In der Nacht. Der kleine Prinz hatte einen Papa, das war der König, und der kleine Prinz hatte eine Mama, das war die Frau König. König und Frau König hatten drei Kinder. Außer dem kleinen Prinzen gab es da noch die beiden Prinzessinnen, die waren aber viel weniger majestätisch, die stellten aber ihre Hausschuhe nie so ordentlich ans Bett vor dem Schlafengehen, die waren aber nicht dazu erschaffen worden um eines Tages die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Und eines Abends verabschiedete sich der kleine Prinz von der Frau König und setzte ihr einen Kuss auf die Wange. So lieb war der kleine Prinz. So lieb. Und er fuhr mit seinem moosgrünen Ford aus der Einfahrt fort. König und Frau König winkten ihrem Sohn hinterher. Lange. Lange. Lange. Da lenkte der kleine Prinz seinen Wagen auf der Landstraße und landete Hals über Genickbruch in einem Baum. Da war der kleine Prinz tot und König und Frau König weinten und die Prinzessinnen weinten und das ganze Königreich weinte und das Weinen weinte und die Leute im Königreich sagten: Dies ist das Märchen vom kleinen Prinzen der gegen einen Baum gefahren ist und so kam das Loch in die Welt.

Mutter
So kam das Loch in die Welt.

die mittelste
Bravo!

die älteste
So schön habt ihr das Märchen erzählt.

Mutter
So schön!

die älteste
Aber als das Loch in die Welt gekommen war, da wart ihr noch lange nicht auf der Welt. Noch so lange nicht. So lange musste die Frau König warten, dass eine von den beiden Prinzessinnen

die mittelste
Ich!

die älteste
dass die jüngere von den beiden Prinzessinnen die ehrenvolle Arbeit der Reproduktion übernommen hätte und dass die Frau König eine Oma geworden ist. Gell Mutter, in Anbetracht der Kindeskinder bist du gerne eine Oma geworden, gell?

Mutter
Ihr habt das Märchen vom kleinen Prinzen der gegen einen Baum gefahren ist, mit einem Auto, in der Nacht, das habt ihr gut erzählt. Gebt eurer ältesten Tante einen Kuss, die hat euch lieb, ihr müsst auch zu eurer ältesten Tante ein wenig lieb sein zurück.

die mittelste
Meine Kinder und ich, wir bereiten uns auf die Übernahme der Regierungsgeschäfte vor, gell Mutter gell, Mutter Mutter gell! Gell?

Mutter
Im ganzen Königreich gibt es niemanden der seine Hausschuhe so ordentlich ans Bett stellt vor dem Schlafengehen. Das ist die Moral von der Geschicht.

die kleinste
Ich erzähle euch jetzt das Märchen vom kleinsten Engel der aus Zitronen, Melonen und Todesfällen Limonade macht. Nachdem das Märchen vom kleinen Prinzen der gegen einen Baum gefahren ist zu Ende gegangen war und das Loch in die Welt gekommen war, rührte Abraham in seinem Suppentopf und murrte. Da sind die Kinder, vorher, bevor die auf die Welt bekommen, sind die im Suppentopf vom Abraham.

Kindeskinder
Ich esse diese Suppe nicht, diese Suppe ess ich nicht.

Mutter und die älteste und die mittelste lachen.

Kindeskinder
Ich esse diese Suppe nicht, diese Suppe ess ich nicht.

Mutter und die älteste und die mittelste lachen.

Kindeskinder
Ich esse diese Suppe nicht, diese Suppe ess ich nicht.

Mutter
Alles was eingebrockt wurde, muss ausgefressen werden. Als noch Krieg war im Königreich haben sich die Leute für die Suppen erschlagen.

die kleinste
Ich erzähle euch noch immer das Märchen vom kleinsten Engel der aus Zitronen, Melonen und Todesfällen Limonade macht. Der kleinste Engel hüpfte aus dem Suppentopf vom Abraham, da war der kleine Prinz gerade gegen einen Baum gefahren, da waren gerade drei Monate vergangen, da hüpfte der kleinste Engel aus dem Suppentopf und schlüpfte, durch das vaginale Loch, der Frau König in die Gebärmutter hinein. Die beiden Prinzessinnen wussten davon nichts und verließen die königliche Residenz um in einer Hauptstadt zu studieren. Die ältere der beiden inskribierte sich für Theaterwissenschaft und legte in ihrer WG einen Orchideengarten an. Die jüngere der beiden belegte Architektur und fand schnell Anschluss an die schnelllebige Hauptstadt. Aber in der Gebärmutter der Frau König plusterte sich der kleinste Engel und wurde zum Embryo. Da kam es wie es kommen sollte und auf den Tag genau ein Jahr nachdem der kleine Prinz gegen einen Baum gefahren war, quetschte die Frau König einen nassen Engel aus ihrem Geburtskanal heraus. Da jubelten König und Frau König und jubelten die Prinzessinnen, die auf Besuch in der königlichen Residenz vorbei schauten, und da jubelte das Königreich und Jubel Jubel und da sagten die Leute im Königreich: Das ist das Märchen vom kleinsten Engel der aus Zitronen, Melonen und Todesfällen Limonade macht und so kam das Loch wieder weg aus der Welt. Und der kleinste Engel wurde in das Gemach des kleinen Prinzen hinein gestopft und der kleinste Engel saß am Schreibtisch im ehemaligen Gemach des kleinen Prinzen und wollte ein Drehbuch schreiben, ein Drehbuch für einen Film, der kleinste Engel macht aus Zitronen, Melonen und Todesfällen leckere Limonade und leckere DIY-Videos, und da fragte der kleinste Engel die Frau König: Darf ich die Bücher vom kleinen Prinzen ein wenig zur Seite räumen damit ich ein Drehbuch schreiben kann?

///Ist wenn Loch, hat immer Saum, da Achtung ein Baum, ist wenn Loch, hat Ränder, Rahmen, das kennen Sie vom Stopfen, vom Socken, ist fransig, die Fransen am Bettüberzug, die Notizen an der Pinnwand, eine Nachttischlampe hat so geriffeltes Glas, da steht ein Souvenir, da war wer in einer Hauptstadt, da hat jemand die Hausschuhe, hängen die Hosen, eine Briefmarkensammlung. Wir belassen die Kleidungsstücke im Kasten. Die Tagebucheinträge, die Bücher, ein Stift, ein Liebesbrief, ein Liebeskind gewesen, gewesen, verwesen unter Stiefmütterchen, was das alles kleiner Prinz gehabt, das ist ein Museum, Mausoleum, liegen die Dinge, steht das Zimmer, das ist ein Bild, ein Rahmen, ein Loch. Diese Soll-Sein-Stelle, sollt sich jemand Bettchen liegen, ist alles so voll, ist alles so leer, und in dieses Loch
-ins voll gerahmte leere Loch
///Da hat sich, brandnew, ein neuester Mensch hinein gemogelt! Weil so ein Loch, das zieht, das stört, das hat doch die ganze Natur eine Abneigung gegen die Leere, ist ein Sohn-Loch, ein Zimmer, ein Platz, kommt ein Loch-Mensch hinein, ins Bettchen zu liegen, die Hosen zu tragen, ein ungelesenes Buch ist ein immer trauriges Buch, ein ungetragener Ski-Anzug vermodert der da nur im Eck, ist der Loch-Mensch ist das Mensch-Loch, befüllt zwar das Loch, lebt in ein und demselben unveränderten Zimmer-Loch, markiert doch das Loch, schreit und bleibt immerzu, Loch!, hat sich hineingesetzt, haben sie hineingesetzt, hallo Mensch, hallo Loch-Mensch du, ist ein halb so, naja, Mensch geworden du Loch.

die kleinste
Hallo!

///Hallo.

die kleinste
Hallo.

///Hallo.

die kleinste
Hallo.

///Hallo.

die kleinste
Hallo aber das ist doch jetzt mein Zimmer.

Kindeskinder
Hallo aber das ist doch jetzt lange schon unser Zimmer.

die mittelste
Hallo aber das ist jetzt doch schon lange das Zimmer von den Kindeskindern. Und außerdem hallo bist du jetzt doch schon lange in eine Hauptstadt gezogen.

die älteste
Ich hatte nie ein so schönes Zimmer. Hallo.

Mutter
Hallo da schlafen doch jetzt die Kindeskinder wenn die ihre Oma besuchen.

die kleinste
Hallo aber

///Schokoladeneis, Strudel. Zigaretten, Kaffee. Schweinebraten, Knödel, warmer Krautsalat mit Speck. Dann MDMA, Whiskey, Lachgas und Pferdeberuhigungsmittel, somit LSD, Weißwein und Schnee. Hände, Schwänze, Lippen, Schläge, eine Zigarette, noch eine Zigarette. Eine Zigarette mit Kaffee, gesalzene Nüsse am Vormittag vor dem TV.
-Kosten?
-sehr gerne!
-sehr fein!
-magst du den Powidl nicht?
-nee!
-aber lass mir von dem Butter!
-über?
-ja!
-sehr fein!, aber:
///Dieser Mensch ist ein Loch.

die kleinste
Aber das wäre doch mein Zimmer gewesen. Das müsste meines! Meines! Meines! Meins! MEINS! MEINS! MEINS! MEINS! MEINS!

Kindeskinder
Eine Frage zwischendurch: Fahren Menschen in der Nacht gegen Bäume weil eine Familie irgendwie ist oder ist eine Familie irgendwie weil jemand gegen einen Baum gefahren in der Nacht.

Doktorin Sommer lacht.
Doktorin Sommer lacht nochmal.
Und noch einmal.

Doktorin Sommer
Jaja. Vorstellen, sich vorzustellen zu könnten, eine Familienaufstellung, ich stelle mich vor: Doktorin Sommer. Stellen Sie sich vor: Sie stellen sich, anstelle von Sitzen, Sie stellen sich, wir machen jetzt ein bißchen eine Familienaufstellung, eine gemeinschaftliche Übung zur Vorstellungskraft, Doktorin Sommer mein Name. Wir gehen, spüren Fußboden, Bühnenboden, wir verteilen uns ganz neu im Raum, ganz neu, wir bewegen, was zwickt, wo gut, wir verteilen uns ganz neu im Raum, ist da irgendwo eine Position vielleicht? Ganz neu, eine Position zu finden, finden Sie eine ganz neue Position, wir machen jetzt eine bißchen eine Familienaufstellung, wir kräftigen die Vorstellung der Situation. Wir stellen uns vor, wir stellen uns in die Position hinein, eine ganz neue Situation, ist dieser Platz, dieser Platz da, ist das mein vorgestellter, mein für mich hin, mein mich darstellend, ist das da mein Platz vielleicht?

Mutter
Das ist etwas Relationales. Eine Mutter. Ich bin eine Mutter. Ich hatte eine Mutter. Meine Mutter hatte eine Tochter. Diese Tochter ging baden. Das Bad war so voll. Der Bach war so kalt. Und das Kind so sehr klein. Füllt das Bad dann die Tochter. Das ist etwas Relationales. Eine Verkehrung der Material-Verhältnisse. War das Bad in der Tochter, die Tochter ganz bleich. Meine Mutter hat die Tochter aus dem Bad heraus. Das ist etwas Relationales. Die Tochter hat das Wasser aus der Lunge nicht und keine Luft hinein. Meine Mutter hatte eine Tochter. Meine Mutter hatte eine Tochter gehabt. Meine Mutter hat noch eine Tochter gebärmuttert. Meine Mutter hat eine noch eine Tochter, und die bin ich. Ich bin auch eine Mutter. Ich hätte eine Schwester. Wo Schwester war, da lebe ich. Wo ich lebe, da hat die Schwester sich im Bad verfüllt. Ich bin keine Schwester, ich bin die Schwester. Ich bin eine Mutter. Das ist etwas Relationales. Wenn du die Fäden an den Fersen von den Socken übereinander mitsammen verknoten tust hab ich denen meinen Kindern eine Lebensgrundlage, nein, schlechthin ein Leben und die Nasen geputzt, für mich als Mutter macht dir die Wiederholung der Geschichte keine Angst, keine Angst vor der Wiederholung der Geschichte, so ein Loch, das zieht, das drückt, wenn du am kalten Fußboden nur halb und halb die Socke, wenn du jemanden erziehen willst, wenn du ein Loch stopfen willst, wenn du gebärmutterst. Das ist etwas Relationales. Wenn eines fehlt, dann rücken die andren zusammen. Oder stellen was Neues dazu.

Doktorin Sommer
Aha. Sie haben eine Position eingenommen. Beschreiben Sie die Situation?

Mutter
Gegenüber vom Fenster, über dem Fenster ein Vorhang, gegenüber ein Tisch. Aus Holz, ist finster, harmoniert mit den Stühlen, stehen alle, an Ort und Stelle. Eine Sicherheitsmatte, es ist wegen dem Holz, einseitig Plastik, anderseitig Fließ. Da wo Familien essen, wo Individuen lesen, auf der Holztischplatte, auf der Sicherheitsmatte, zunächst eine reinweiße, dann eine schönweiße, letztlich verquer, zum letztendlichen Dekor, eine Decke mit Spitze, die feingewebt an Seidenrändern, deckt alles fest zu. Hat im Leinengewebe, schönweiß auf reinweiß, Arabesken gebogen, steht auf dem Dekor, auf dem Tisch eine Vase, in der Vase die Blume, ist symmetrisch, ist harmonisch, zum Gobelin. Zur Schauseite vis-a-vis, über dem Fenster der Vorhang, der Vorhang eine Klöppelspitze, da und dort eine Lochspitze, an den Enden das Plissee. Wirft sich alles in Falten, die Figur, der Farbübergang, dann bedeckt der Vorhang das Fenster, das Schauseiten-Glas zu. Die Teppiche in Handarbeit, kleiner, je feiner die Knoten, je dichter das Haar, umso bedeckter die Verführung, gibt die Ausstattung sich keine Blöße, die bloße Gefahr.

Doktorin Sommer
Aha. Sie haben uns ein Setting erzählt. Was ist das für ein Platz?

Mutter
So ein Todesfall, das bedeutet den Totalausfall, von denen allen Menschen rundherum, umsomehr, medizinisch also Wunder, ich Mutter, ich wider die Wahrscheinlichkeit, plopp, plopp, da der Bauch sich zur Kugel, ploppt, ploppt, die Kugel schaurig offenes Loch hinein, knuschel, knirschel, die Strumpfhose in einem Umstand gesprengt, also dass wir da aber noch so eine Liebe in den Geschlechtsteilen lagernd haben, so plopp, es knirscht, wird gestopft, wird genäht, es gibt so und so viele Wiederverwertungs-Varianten, als Mutter, im Krankenhaus-Bett, hat sich die Gebärmutter mit Abraham-Suppe überschwemmt, ein Wunder, stürzt unten das Fruchtwasser, fließt bei den Augen eine Wunde aus mir heraus. Das ist ein unanständiges Gefühl.

Doktorin Sommer
Aha. Sie haben die Rolle der Mutter eingenommen, wie geht es Ihnen jetzt damit?

Mutter
Wieso Rolle?

Doktorin Sommer
Rolle!

///Rolle.

Mutter
Wieso Rolle?

Doktorin Sommer
Rolle!

///Rolle.

Kindeskinder
Wieso Mutter?

///Rolle.

Kindeskinder
Das ist unsere Oma.

///Rolle.

Mutter
Wieso Rolle?

Doktorin Sommer
Rolle!
///Rolle.

Kindeskinder
Das ist unsere Oma!

Mutter
Ich habe eine Gebärmutter.

Kindeskinder
Oma! Das ist doch unsere Oma.

Mutter
Wieso Rolle?

Doktorin Sommer
Rolle!

///Rolle.

Kinderkinder
Oma!

///Rolle.

Doktorin Sommer
Rolle!

///Rolle.

Doktorin Sommer
Rolle!

///Rolle.

Mutter
Der Vati nimmt die Äpfel vom Baum und zerhackt die Früchte in kleinere Teile. Es ist Herbst. Meine Hände im Teig. Zimt, Zucker, Rahm, Nüsse, die Wahlnüsse vom anderen Baum. Die Schädlinge. Die Vögel erschlage ich mit Steinen. Die Katzen jage ich mit Schimpf und Schande. Das sind meine Bäume. Das sind unsere Nahrungsmittel. Strecken die Würmer ihre Köpfe aus dem Apfel. Hack, hackt der Vati die Früchte in kleinere Teile. Meine Hände im Teig. Es ist Zeit den Ofen zu erwärmen. Ei, klar, Eiklar, der Vati zerbröselt die Früchte über dem Teig. Meine Schürze berührt seine Waden. Gerade rechtzeitig das Tor zu dem Rohr verschlossen. Unsere Nasenflügeln zucken, wir naschen Rosinen. Was? Wie? Ein Schnitzerl! Aha. Ein Schnitzerl! Da schauts mir her ihr, Nachverfahrenen Kindeskinder, jetzt braten wir gemeinsam das Fleisch. Klopfst es, wendest es, weichst es, Salz und Pfeffer, Mehl, Ei, Brösel, lässt in der Gußeisernen das Butterschmalz, so sparsam Butterschmalz, Mama?, von meiner Mutter gelernt, so sparsam das Mutterschmalz, das Fleisch nicht ertränken, Mama?, dann trotzdem ganz goldene, Gold-Fleisch-Barren die zischen beim Schneiden, da schauts mir her ihr Generationenwechsel, Mama?, wenn brutzelt und brutzelt und brutzelt und die Gußeiserne mit dem Butterschmalz vom Herd, aber nicht ertränken das Fleisch mit dem Mutterschmalz und dazu einen Salat, geh grab mir einen Salat aus dem Garten, und dem Opa, dem schmeckt es ja auch.

///Die Parabel von den roten Rüben, die Parabel von den roten Rüben geht so: Ein Gärtnerjunge wollte die roten Rüben nicht graben, ein Gärtnerjunge wollte das Graben der roten Rüben auf die Familienmitglieder der Gärtnerfamilie verteilen, der Gärtnerjunge wollte gemeinsam graben. Aber! Aber da hatte der Gärtnerjunge seine Gedanken ohne die Gärtnerfamilie gemacht und der Gärtnerjunge wurde in eine Ecke zwischen Herd und Spülbecken gestellt und standungerechtlich erschossen. Da nahmen die Familienmitglieder der Gärtnerfamilie alle Spielkarten aus dem gesamten Gärtnerfamilien-Haus zur Hand und versteckten die Leiche vom Gärtnerjungen unter einem Berg von Karten. Weil aber die Gärtnerfamilie immer nur geschmackvolle Einrichtungsgegenstände um sich haben wollte, und weil aber die Gärtnerfamilie sich in Sachen postkolonialer Diskurse nicht recht auf der Höhe der Zeit bewegte, bestand die Gärtnerfamilie auf der Einheitlichkeit der Spielkarten unter denen der Gärtnerjunge begraben werden sollte. Und so kam es, dass im Gärtnerfamilienhaus bis zum heutigen Tage, zwischen Herd und Spülbecken, dort etwas im Weg steht, es ist ein Haufen schwarzer Peter.

Doktorin Sommer
Oh! Oh la la! Bisherige medizinische Karriere, ich habe noch nie mit einem Chor zusammen gearbeitet. Sie haben also die Rolle des Chores eingenommen?

König fängt an zu schlendern. Alle Blicke auf König. Er verbeugt sich vor dem Ohr der Doktorin Sommer. Und flüstert ihr intim ins Ohr: „Sehr geehrte Doktorin Sommer! Haben Sie einen heftigen Dank, dass Sie sich der Familienaufstellung dieser Familie annehmen. Ich persönlich werde an der Vorstellung selbstverständlich nicht teilnehmen. Nachdem der kleine Prinz gegen einen Baum gefahren war, habe ich mich aus der Öffentlichkeit zurück gezogen. Sie verstehen was ich meine“. Und beeilt sich Doktorin Sommer mit Zustimmung. Und gibt König weiter mehr leise zu verstehen: „Diese Familie ist eine Familie ist eine Familie und das Familiäre verpflichtet. Tausend Goldmünzen für ihre Heilkunst, sonst schlag ich den Kopf in der Küche ab. Den Ihren. Ihren Kopf meine ich“. Das verständnisvolle Nicken der Doktorin Sommer unterbricht König mit eleganter Handgelenksgeste und führt aus: „dass Ihre Spesen selbstverständlich übernommen werden, wir servieren hier einen exquisiten Espresso und was den Chor angeht“ – alle Blicke auf alle – „diese Familie ist eine Familie ist eine Familie ist immer schon mehr als eine Familie als diese Familie und bitte nehmen Sie vom Apfelstrudel, von den Äpfeln, von draußen, vom Baum und jede königliche Residenz hat ein paar königliche-Residenz-Geister, von Geisterhand und mit Heilkunst erwarte ich mir die zu königlichen Repräsentationsaufgaben erschaffenen Familienbande“. Doktorin Sommer streicht König über die Wange. Dort ist es nass. Er schlägt seine Faust in ihren Bauch und nimmt wieder Platz nah am Tisch.

///Das ist eine Familienaufstellung.
-was?
-ein Echo
-was ist das?
-Bei einer Familienaufstellung vernehmen wir ein Echo.
-von?
-nein
-einfach nur Echo
///Echo
-echo
-echo
-Bei einer Familienaufstellung vernehmen wir die Geschichten der Vergangenheit und Zukunft.
-unft
-unft
-zur Vernunft
-das wird schon wieder
-gefunden?
-ein Echo!
-Ich habe da ein Echo gefunden.
-zeig her
-bezeuge
-gab es Zeugen?
-erzeugen sich die Geschichten selbst
-was?
///Das ist eine Familienaufstellung.
-tatsächlich müssen wir davon ausgehen dass die Herstellung des Tathergangs sich dieser Aufstellungsweise verschuldet
-was?
-es ist ein Echo
-es fängt nirgendwo an
///Das ist eine Familienaufstellung.
-das ist etwas systemisches
-was ist denn das?
-Das ist ein Loch.
-nein
-doch
-nein
-doch
-Loch
-Loch
-stellt sich dahin und sagt:
-koch!
-mir einen Kaiserschmarren
-mir einen Germknödel
-und ich tät den Tafelspitz
///bittedanke und tschüß
-Das Sättigungsgefühl!
-Das völlige Fehlen des Sättigungsgefühls.
-was ist denn das?
-Das ist ein Loch.
-Geh bitte!
-Das ist doch eine Kugel.
-zu wenig gefüttert
-zu viel verhungert
-zu wenig gefüttert
-zu viel von dem Hunger
///Das ist eine Familienaufstellung.
-das ist eine Anleitung zum Ausmisten eines Kinderherzens
-was?
-rote Rüben am Begräbnismorgen
-was?
-andere Leute schreiben Tagebuch
-auch Videotagebücher sind ein künstlerisches Ausdrucksmittel
-was?
-wer zwischen sich und die Welt eine Kamera
-durch ein Objektiv eine Perspektive zu verändern
-wo haben Sie?
-haben Sie?
-das Objektiv
-beim Autounfall
-im Kofferraum
-kaputt gegangen?
///Das ist eine Familienaufstellung.
-Achtung Aufnahme!
-Aufstellung!
-Platz!
-wow
-Platz!
-du geh auf deinen Platz!
-wow
-eine unversorgte Seelenwunde kostet dem Staat
-gesamtgesellschaftlich!
-ach so, gesamtgesellschaftlich
-du geh auf deinen Platz!
-lauter Zeitbomben
-tick
-tack
-tick
-tack
-es muttert
-gebärmuttert
-es muttert
-gebärmuttert
-schnell das Loch zu
-zum Platz!
-wow
-Platz!
-tack
-tick
-tack
-tick
-eine Zeit
///Bombe
-ombe
-ombe
-tack
-tick
-tack
-tick
-tack
-tick
-die hat nen
-au
///Au!
-au
///Au!
-das wird schon wieder das wird schon wieder das wird schon wieder das wird das wird das wird schon wieder schon wieder
-schon wieder
-die Laufmasche zum Loch gebohrt
///Das ist eine Familienaufstellung.
-haben Sie eine Strumpfhose zum Wechseln mitgebracht?
-haben Sie?
-haben Sie?
-Nein. Leider.

Doktorin Sommer
Es war einmal ein kleines Mädchen. Das kleine Mädchen trug ein kleines weißes Kleid und pflückte Sonnenblumen in ein bereitgestelltes Körbchen hinein. Aber, das kleine Mädchen war ein unsichtbares kleines Mädchen. Da hüpfte das kleine Mädchen auf die Schultern des schwerarbeitenden Vaters hinauf und da schaute der schwerarbeitende Vater durch das kleine Mädchen hindurch. Gell Vati, Vati Vati gell. Gell! Aber das kleine Mädchen war leider ein unsichtbares kleines Mädchen. Und so kam es, dass die Mutter des kleinen unsichtbaren Mädchens das kleine Mädchen im kleinen weißen Kleidchen beständig verwechselte. Der Mama war das alles sehr durchschaubar und überall dort, wo das kleine unsichtbare Mädchen herumgehüpft wäre, dort vernahm die Mama das Spiegelbild von ihrer selbst. Ein paar Jahre später ging das kleine unsichtbare Mädchen mit dem prall gefüllten, Sonnenblumen gepflückten Körbchen, und machte eine Familienaufstellung. Aber leider war das kleine Mädchen so durchsichtig und deswegen es wieder nach Hause zurück.

///Also: Kinder erzeugen, Erzeugnis nach Zukunft, RiRaReproduktion, es stehen die Stammbäume, rum. Arumpeldibumpel fällt fällt, erntet Abraham Früchte, was für ne eklige Brühe, kommt aus dem Fehlenden womöglich was Falsches noch nach, es ist eine Geschichte unter anderen, überall auf der ganzen, auf der weiten, auf der sogenannten Welt, der Vater hatte einen Herzinfarkt, die Tante den Krebs, der Freund wurde vom Klienten erstochen, der Lehrer von einem Bruder vergiftet, der Großvater von einer Bombe zersprungen, die Bekannte im Hochaus verbrannt, ertrunken, ertrunken, ertrunken, ertrunken, ertrunken, ertrunken, ertrunken, ertrunken, ertrunken, ertrunken, ertrunken, ertrunken, was?, du weinst, arbeitsrechtlich besehen hast du dafür drei Tage Zeit, zack zack, Mensch Masse, Bio-Masse, Müll.
-Müll?
///Ein menschlicher Organismus, ei!, ist zauberhaftes Zauberwerk. Wenn dieser Loch-Mensch laufen lernt, der krabbelt und fällt und stößt und lacht und der Loch-Mensch, und wie der so denkt: Ei! Aha! Da wo ich so krabbeln tu, wo ich aus dem Loch heraus, das ist eine Gehschule, das ein Geländer, ein Saum. Da sollen mich die Umgebungsangelegenheiten also immer wieder zurück in das Loch, aha, aua, bin ich zu werden ein Schnecken-Getier, meine eigene Känguru-Tasche, ich soll in das Loch zurück, das sagen sie mir. Das deuten sie mir. Und wedeln und winken und stoßen und drücken, und so ein menschlicher Organismus, ei!, das ist ein Loch, ist mein Loch, eine Kante, ein Rahmen, Rest, Schuld, Loch, Genital, Durchfall, irgendwo irgendwann ich durchgefallen.

Doktorin Sommer lacht.
Doktorin Sommer lacht nochmal.
Und noch einmal.

Doktorin Sommer
Jaja. Wir machen hier ein bißchen eine Familienaufstellung. Alles ganz neu. Wir vernehmen das Echo von vielen Vergangenheit. Wir sind hier auf der Suche. Das da ist der Fisch, wo vom Kopf her so stinkt, das da ist der Ursprung, das Ur-Loch, das Urtrauma, das Urvertrauen, das muss es sein! Also!

die älteste
Mit den Augenlidern über die Augen drüber, ich hebe meine gewellten Handgelenke vor mich hin. Ein Füßlein, zwei Füßlein, hier steht immer schon sein Bett. Ich rieche, ich taste, die Tagesdecke, auch so ein gewelltes Gewebe, hinter den Augenlidern die Augen und ich schau meine Erinnerungs an. Da steht ein achtjähriger Bruder mit mir siebenjähriger Schwester vor der Wand mit dem Buch. Wir heben ein Gänseblümchen zwischen die Seiten, wir setzen uns drauf, ich auf das Buch und der Bruder auf mich. Sowas Schönes konservieren, das was daran saftig ist verlieren. Ein Füßlein, zwei Füßlein, stellt der Bruder die Hausschuhe hin. Geht ein zehnjähriger als Ministrant zum Pfarrer, ist eine neunjährige nur ein Mädchen und immerhin erstkommuniert. Kommt der Bruder nach Hause und schlägt sich das Knie in den Asphalt. Leckt die Schwester darüber und gehen in der Disko ein 16-jähriger mit seiner 15-jährigen Schwester, dass hinter dem Dorf, dass hinter der Tagesdecke, womöglich ein Au-Pair-Aufenthalt, womöglich ein Informatik-Studium, kleine Schwester will Schauspielerin werden, der Bruder nickt, essen Schokolade Umarmung am Bett. Fliegt aus der Umarmung, so fest, dabei doch immer so fest, fliegt das Auto, der Bruder, fliegt der Bruder mit Umweg, Baum Fahrzeug ins Leichenschauhaus, fliegt die Schwester ins Bett. Krampft die Schwester die Fäuste, haut drauf auf die Vasen, haut runter die Bücher, schlägt den Vater zu Boden, die Mutter zum Teppich, den diebischen Embryo zwischen die Seiten, das Buch ganz fest zu, die hinterhältige Gebärmutter pressen, zwischen den Seiten den Säugling, mich auf den Schraubstock und niemand auf mich drauf.

die mittelste
Der kleine Prinz und die älteste Schwester und ich, ich habe nie gelernt meine Hausschuhe so ordentlich ans Bett zu stellen vor dem Schlafengehen, das ist ein Status, die kleinste, das ist keine bloße, keine zufällige Position, das ist ein Status, verbunden mit Hühnerbeinen, Brotkrusten, Forellenwangen. Dürfen tanzen gehen, dürfen reisen reden, darf ich auf jeden Fall Naturwissenschaft, Materialfortschritt, um zu montieren in der Küche einen Küchengerätschaftsspüler, gegen die Sparsamkeit, gegen den Stillstand, ich erinnere mich: Heimlich dem Bruder die Lateinaufgabe lösen, kichern wenn die Schwester kotzt, die Tanzstunde schwänzen, nachher die Rüschen verstecken, die Haare toupieren, Auto-Stoppen, dem Bruder ein Fernrohr schenken, in unserer Straße bin ich das einzige Mädchen mit einer berufstätigen Mutter, ich bin wortkarg, ich bin modern gekleidet, ich zeige meinem Vater die Klöppelspitze, mein Bruder fährt mich mit dem Auto zum Zug. Ich trinke Bier, ich puste dem Vati einen Schaum ins Gesicht, ich halte meine heiße Wange, niemals werde ich meine Hausschuhe so ordentlich ans Bett, niemals! Ich trinke einen Fernet, einen Whiskey, einen Palinka. Ich verziehe mich in eine Hauptstadt und winke nur langsam mehr zurück.

die älteste
Nicht ich, du, ihr, ihr alle seid irgendwie, irgendwie ist diese Ordnung überhaupt nicht in Ordnung, das ist zu eng, das ist zu weit, weiter, weiter, Kilometer und Distanzen, im Krankenhaus, auf Kur, zwischen mich älteste Erwartungshaltungen, das halte ich nicht aus, ich halte auch nichts ein, ich halte einen Sicherheitsabstand, nicht ich, du, ihr, ihr alle habt eine irgendwie, eine Situation, eine Problemation, eine Komplikation, mich einliefern lassen, mich sicher nicht euch ausliefern gelassen, belief it, or not, ich, nicht du, nicht ihr, niemand von euch, hat auch nur irgendwie eine nachvollziehbare Reaktion auf die Tatsachen entwickelt, das ist ein Abwehrmechanismus, das ist eine Notfall-Strategie, sich um die Worte zu scheren, mit den Worten zu stechen, sticht Löcher in Schauseiten, nämlich die älteste ich, ich habe einen Zustand entwickelt, als einzige habe ich einen Zustand entwickelt von dem aus sich die Ordnung erklärt, ich kümmere mich nicht, um niemand und schon gar nicht um mich. Wow. Aber Entschuldigung wow, dein Körperbau ist so süß. Oke wow. Einen Hund will ich haben. Dieser Hund muss es sein. Also wow. Der Westhighland-Terrier schleckt andächtig über mein Knie. So ein Hundekot, der hält halt auch warm.

die mittelste
Eine Familie ist eine Familie ist meine Familie. Ich habe eine eigene Familie. Das Familiäre verpflichtet. Es gibt verpflichtende Feiertage, oke, ich trinke einen Fernet, im Sommer an das Wasser mit Bier, währenddessen beim Skiurlaub schwirren mir die Glühweine im Gehirn. Wahrscheinlich sind die Ski-Schuhe zu klein. 30 Prozent vom Kaufpreis, wenn du deine alten lässt, oder borgen, acht Euro, oder neun. Ich spreche da jetzt nicht über irgendwelche gesellschaftlichen Zusammenhänge, aber es gibt einen Fortschritt, in der Materialforschung. Du brauchst Schienbein-Schoner. Meine Kinder brauchen einen Helm. Mit Außen an den harten Schalen auch Tageslicht-Reflektoren. Beim Ski-Fahren möglichst Neon-Farbe. Sich abzuheben vom Schnee. Nicht verloren gehen. Die Pistenraupe durch die Schneebrille sehen. Sich vor der Pistenraupe sehen lassen können. Sich unterscheiden vom Hintergrund. Sich nicht nur zur Sicherheit unterscheiden vom Hinterrgund. Das ist kein Status, das ist eine Lebenseinstellung. Ich ziehe meinen Kindern Wirbelsäulen-Schutzwesten an. Mit meiner Maniküre, ich mache eine Mediations-Ausbildung, ich lese, ich arbeite, ich baue Türme, wir schauen über die Landschaft, meine Kinder brauchen Thermo-Fließ, Schafswolle, Bio-Käse, Stockbett, Steckerlfisch beim Urlaub am Wasser, ich habe wieder einmal einen Turm gebaut und winken der Familie von oben. Eine Familie ist eine Familie und meine Familie wohnt in einem Turm, ein viel höheres Geländer am Balkon, meine Familie braucht mehr Platz, wir dehnen den Turm, wir brauchen drei Terrassen, wir brauchen ein Snowboard, wir brauchen einen Snowboardkurs, ich trinke einen Whiskey, wir brauchen neue Sicherheitsvorschriften, ich muss mich von dem Hintergrund abheben, ich stehe am Turm und kippe das Glas.

die älteste
Die Welt will mir zu Leide, zu Leibe, lege ich, Schicht um Schicht, Rolle um Rolle, so rundherum, die Fettmasse um meinen Körper herum. Ich bin unsichtbar. Mach deine Augen auf. Mach deine Augen zu. Ich bin auf allen Schulterblättern, Achillesfersen, Bauchdecken, ich bin überall da wo die Menschen Gliedermaßen, bin ich unverwundbar, unberührbar. Ich wasche meine Haare nicht. Ich lebe mit meinem Hund in einer Hunde-Höhle. Ich stecke mir kleine Objekte in den Hals. Teure kiloweise Nahrungsmittel aus mir heraus. Ich packe mich ein, ich spucke mich aus, ich packe mich ein, ich spucke mich aus. Die Welt wollte mir zu Leide, meine Liebe, da lagere ich ein Kilo, ein Kilo mit Geruch dazwischen. Ich bin unkontrollierbar. Ich bin gefährlich. Ich sage zu mir selber Sie. Sie, Madame, Sie tanzen so schön, skandalös, mischen die Tabletten auf Tableau, darf ich Sie heiraten, unbedingt heiraten, darauf einen Eierlikör, eine Familie, fünf Kinder, mindestens fünf, nur ein Mädchen, schönstes Mädchen in der Disko, welche Stadt bereisen Sie heute, wie heißt deine Straße, du tropfst Innereien-Flüssigkeit auf den Boden, deine Pillen kullerten, Madame, Monsieur, ich bin so viele, viele kleine Abenteuer, jemand im Hundekot gerutscht, so eine Scheiße, so eine Scheiße, leck mich, das geht alles in Rauch auf, ein Nachthemd zu kurz, so Hilfe, so heiß, ein schwarzes Loch in meinem Bett, aber Madame, aber Monsieur, aber Madame!

die mittelste
In der Hauptstadt baue ich Türme aus Glas und entführe wochendends die Weintrauben von Feldern. An der Schwelle zum Erwachsen-Werden wird jeder Mensch mit Rauchen aufhören. Sollen. Ich sollte. Das Statische der Architektur als Entwicklungsbasis. Der Turm schwankt nicht, keine gute Architektur gibt dem Wosen des Windes, die streckt sich immer gegen die Natur. Fünf Stöcke und mir fällt die Flasche den Asphalt. Ich sollte meine Familie mit Sicherheit weiter weg von diesem Boden. Weg! Weg! Sich entfernen von der Erde wo die Wurzeln von dem Haus. Die Aufarbeitung der Vergangenheit dient der Entwicklung einer Zukunft. Mein Opa war ein Illegaler. Ich beschütze meine Familie vor dem Verschweigen, vor dem Nationalsozialismus und schon wieder fallen Whiskey Flaschen, 15 Flaschen, 15 Stöcke, in die Tiefe. In der Fleischerei ein antifaschistisches Denkmal entworfen, schau Vati schau, ich habe für die Opa-Fleischerei ein antifaschistisches Denkmal entworfen, wenn die Zeit vergeht, wir distanzieren uns voneinander, sich von Deutschland distanzieren, sich von der ehemaligen Familie distanzieren, sich als Vater von einem SS distanzieren, Vati!, schau Vati schau, ich halte Abstand zu dir.

Mutter und die älteste und die mittelste und Kindeskinder und die kleinste und König setzen sich rund um einen recht üppigen Mittagstisch herum.

Mutter
Ganz verhungerte Kindeskinder. Da! Ganz ausgeverhungerte Kindeskinder.

die älteste
Ich bin auf Diät.
Mutter
Eure Oma hat eurer Mama das Kochen schlecht angetragen.

die mittelste
Den Teller! Gib deinen Teller her!

Kindeskinder
Gell Mama, am liebsten essen wir

die kleinste
Ein sogenannter bäuerlicher Haushalt kauft wegen Sparsamkeit das Obst, Gemüse, Fleisch, Eier und Müsli und Brot beim Discounter.

die mittelste
Wir stehen alle vom Tisch auf, wenn alle vom Tisch aufstehen.

Kindeskinder
Die älteste Tante klaut die Haut vom Hühnchen.

Mutter
Früher habe ich neue Rezepte ausprobiert. Früher!

die älteste
Eure kleinste Tante ist so müde. Gell! Das ist die kleinste Tante nicht gewohnt.

Mutter
Ich schaue halt immer zuerst für die anderen.

die mittelste
Irgendjemand irgendwo wird auch ein Geld verdienen müssen.

die kleinste
Ich persönlich würde nur sehr ungern mit fettigen Haaren sitzen.

Mutter
Iss das jetzt auf!

die älteste
Der Magen.

Kindeskinder
Die Augen.

die mittelste
War größer.

die kleinste
Wer?