Lichtungen 165 Titelseite

Auszüge aus dem Tagebuch

Julia Cimafiejeva

 

 

 

 

 

11.Oktober

In dem Trolleybus, in den wir gesprungen sind, rolle ich einen Regenschirm ein. Es hat den ganzen Morgen geregnet und die Vorhersage hört sich nicht allzu hoffnungsvoll an. Du bist wegen deiner Kopfschmerzen wieder nicht in Stimmung und hast einen Widerwillen, zur Demonstration zu gehen. Ich fühle mich ein wenig schuldig und sehe beiseite. Eine Gruppe von Frauen wirkt etwas angespannt, sie haben über irgendwas diskutiert. Eine von ihnen schaut anerkennend zu uns her, unsere Augen treffen sich und auf einmal erkenne ich, wohin sie unterwegs sind. Ich erzähle ihnen die letzten Neuigkeiten, die wir zu Hause gelesen haben, als wir noch eine Internet-Verbindung hatten: über die Zerstreuungen von Menschenansammlungen und Blendgranaten, die in der Nähe von Stela verwendet wurden. Sie berichten wiederum, was ihnen ihre Freunde am Telefon gesagt haben. Aber wo treffen sich die Leute jetzt, wo sollen wir hingehen? Plötzlich erblicken wir einen großen Menschenstrom, der die Straße vor dem Trolleybus quert, Fahnen liegen auf den Schultern der Menschen und wehen über ihren Köpfen. Wir alle steigen an der nächsten Haltestelle aus.

___

Wir müssen ständig auf der Hut sein. Der Plan der Bereitschaftspolizei ist anscheinend, den Demonstranten zu folgen und sie auseinanderzutreiben, um die unterschiedlichen Gruppen davon abzuhalten, eine Kolonne aus einhunderttausend Menschen zu bilden. Heute sind wir schon mit anderen auf dem nassen Gras und auf schlammigen Pfaden an alten, abseits gelegenen Häusern vorbeigerannt. Es fühlte sich wie in einem Horrorfilm oder in einem schlechten Traum an. Glücklicherweise konnten wir uns in der großen Einkaufsstraße „Corona“ verstecken, wo wir wieder Atem schöpften und meinen Bruder anriefen, um alle Neuigkeiten zu erfahren. Während des Telefonats schaute ich die helle und bunte Werbung mit wunderschönen halbnackten Frauen an, die entspannt waren und lächelten. Ihre Blicke laden dich ein, in diesem glitzernden, trockenen und sicheren Einkaufsparadies zu verweilen. Aber wir wandern einfach durch die Mall zur Tür auf der anderen Seite und finden uns vor einer riesigen Demonstration wieder. Wir schließen uns ihr an. __

Es regnet, und trotz des Regenschirms über dem Kopf ist mein Rucksack schon nass. Ich habe Sorge um die Fotokamera, die drinnen ist. Gewöhnlich nehme ich eine Menge Bilder bei den Demonstrationen auf und fange diese historischen Augenblicke ein, wenngleich ich in der letzten Zeit das Fotografieren von Gesichtern vermieden habe. Sie haben Personen zu 15 Tagen Haft für ihre Instagram-Selfies bei Demonstrationen verurteilt. Also mache ich in der Regel nur solche Bilder von der Kolonne, bei denen bloß Rücken und Fahnen zu sehen sind.

Heute ist es zu nass und zu unsicher, um meine alte Kamera herauszunehmen. Ich mache also lediglich ein paar trübe Aufnahmen mit meinem Smartphone.

__

Wir sind eine Weile im Bereich der Pushkin Avenue unterwegs gewesen, als ich etwas wahrzunehmen beginne – da liegt irgendwas Ernstes in der Luft. Wir sind genug marschiert, du bist krank, wir sind durchnässt, vielleicht sollten wir jetzt doch besser nach Hause gehen? Unsere Aufgabe könnte erledigt sein … Und es ist nur eine halbe Stunde Fußweg nach Hause. Wir klettern über den Metallzaun, der die Straße in zwei Spuren teilt. Er ist ziemlich niedrig, du musst nur das Bein heben, aber deine Jeans sitzen zu eng, du hast Angst, dass sie reißen könnten. Beim Überqueren der Spur schaue ich zurück und sehe, wie sich die Demonstranten plötzlich zerstreuen, am Straßenrand entlang und tiefer in die Höfe hineinlaufen. Sie rennen vor der blauen Wasserkanone und den Kosmonauten weg, die ihnen folgen, und folgen uns.

Wir laufen und laufen wie alle um uns herum: Jung und Alt, Frauen und Männer, ArbeiterInnen und StudentInnen, Ärzte und Programmierer. Es spielt keine Rolle, wer du im Augenblick bist, am wichtigsten ist, wie schnell du vor der Polizei wegrennen kannst, über den Spielplatz, über die Parkplätze, durch die Apartmentblöcke, deren Haustüren von mitfühlenden BewohnerInnen geöffnet wurden. Sie laden Fremde in ihre Wohnungen ein. Ihre Wohnungen werden zu Schutzräumen für bis zu dreißig Menschen. Mich erinnert das an die Geschichten über die Rettung von Juden im Zweiten Weltkrieg. Aber wir brauchen uns jetzt nicht zu verstecken und Schutz zu finden, wir müssen nach Hause gehen.

Als die Gefahr offenbar vorbei ist und wir schließlich gehen können und nach Luft schnappen, bemerken wir hinter den Bäumen eine weitere Gruppe von Protestierenden, die auf uns zulaufen, und so laufen auch wir immer weiter.

Plötzlich hältst du an und sagst, dass dein Kopf so schlimm wehtue, dass er explodieren könne, wenn wir noch weiterliefen. Wir müssen uns irgendwo verstecken, und du schlägst vor, uns in ein Lebensmittelgeschäft in der Nähe zu begeben. Wir kommen schnell hinein, nehmen einen Einkaufskorb und machen in der Brotabteilung Halt, als wären wir normale Kundinnen. Tatsächlich kann jeder Kosmonaut erkennen, dass wir keine gewöhnlichen Kunden sind. Zuerst einmal sind wir durch und durch nass, Wasser tropft uns von den Haaren. Zweitens sind unsere Gesichter rot vom Laufen. Und drittens sind unsere Augen so wild wie jene von Tieren, die vor einem Jäger fliehen.

Ich trockne mein Gesicht und Haar mit einem Papiertaschentuch und beuge mich über den Kühlschrank voller Pelmeni. Ich versuche, meinen Atem zu normalisieren und mich zu beruhigen. Keine Kosmonauten in Sicht. Nur Kunden, die zwischen den Regalen mit Nahrungsmitteln umherwandern, oder Demonstranten, die sich für Kunden ausgeben, wer weiß. Am Ende gehen wir mit einem Einkaufskorb mit Wein und Lebensmitteln für das Abendessen zur Kasse. Ich habe meinen Rucksack auf dem Rücken  ̶  wir versuchen meistens, ökologisch zu handeln und lehnen die Plastiktüte ab, aber nicht dieses Mal.

Durch die Fenster des Geschäfts sehen wir, dass die Demonstration weitergeht, die Menschen marschieren immer noch, wir können sogar Bruchstücke von Gesängen hören. Aber die Shop-Managerin hat schon die Tür verschlossen und schreit jeden wütend an, der den Türgriff von außen betätigt. „Haut ab!“, schreit sie, und „Wir haben geschlossen!“ Schwere Schlüssel rasseln in ihren überkreuzten Armen und bittere Worte in ihrem Mund. Sie lässt uns hinaus und schließt die Glastür sofort hinter uns zu.

Auf dem Weg nach Hause schlägst du vor, nicht durch die Höfe zu gehen, da es dort einen Überfall von Polizisten geben könnte, die auf Protestierende warten. Auf der Pushkin Avenue gehen wir so langsam und ruhig wie möglich und geben vor, eine junge Familie zu sein: Du hast eine weiße Plastiktüte voller Lebensmittel und ich drücke mich nahe an dich. Militärwagen fahren gemächlich vorbei.

Zu Hause erfahren wir, dass zwei belarussische Philosophen, eine junge Familie wie wir, in der Nähe der Niamiha-Straße verhaftet wurden.

1.-2. November

Ich bin so nahe herangekommen, dass ich sogar in der Dunkelheit der Nacht sehen kann, wie schäbig er ist, wie die dreckige weiße Farbe sich von der Oberfläche des Betonverbindungszauns abschält, der hier vielleicht schon seit sowjetischen Zeiten steht. Hier außerhalb des Zauns befinden sich ungefähr zwanzig von uns unter einer einsamen Straßenlaterne. Wir stehen, gehen, sprechen und warten still an unseren Autos zumindest auf ein Wort oder auf ein Zeichen unserer Lieben und Nahestehenden, die in dem hässlichen Gebäude hinter dem Zaun gefangen gehalten werden: dem Gebäude der Baraulianski-Polizeistation. Wir sind Verwandte und Freunde all jener, die heute inhaftiert wurden. Mein Bruder und seine kleine Blechtrommel wurden ebenfalls einkassiert.

_____

Die heutige Demonstration wurde Dziady gewidmet (den Ahnen; dem Tag der Toten), der am 2. November gefeiert wird und zu den blutigsten Ereignissen in der Geschichte Belarusslands gehört — „Die Nacht der exekutierten Poeten“. Während nur einer Oktobernacht vom 29. zum 30. Oktober 1937 wurden einhundertdreißig belarussische Intellektuelle getötet und von den sowjetischen Behörden im Kurapaty-Wald in der Nähe von Minsk begraben. Die Wahrheit über die Massengräber kam erst Ende der 1980er-Jahre ans Licht, die erste Kundgebung dort wurde von den sowjetischen Behörden aufgelöst. Jetzt steht dort ein Denkmal für die Opfer des Stalin-Regimes: hunderte hölzerne Kreuze erinnern uns an die hunderttausenden Toten, die dort zwischen 1937 und 1941 ermordet wurden. So war die Idee hinter der Kundgebung, zu Ehren der Toten nach Kurapaty zu marschieren.

Einmal im August, als es nicht so gefährlich war, den vorbeifahrenden Autos ein Sieges-Zeichen zu zeigen, nahmen wir an einer Aktion teil, die von belarussischen Christen initiiert worden war. Sie wurde Chain of Repentance, also Kette der Buße, genannt. Die Idee bestand darin, eine Menschenkette zu bilden, die vom Denkmal Kurapaty, dem Massengrab der Opfer des Stalinregimes, bis nach Akrescina, einen Ort, an dem friedliche Protestierende inhaftiert, geschlagen und von Lukashenkos Regime gefoltert wurden, reichte – sie war 13 km lang.

Dieses Mal war der Treffpunkt der Protestierenden nicht Stela, sondern die Metrostation Park Chaluskincau. Sie liegt an der Niezaležnasti Avenue, ziemlich weit weg. Die drei nahegelegensten Metrostationen waren geschlossen worden, und wir dachten, wir würden sehen, wie sich die Situation entwickelt, und dann eine Entscheidung treffen … Und nachdem wir die Nachrichten im Telegramm-Feed gelesen hatten, entschieden wir uns dafür, nicht zu gehen. Denn schon in den frühen Morgenstunden wurden Menschen, die sich zu versammeln versuchten, ständig auseinandergetrieben, geschlagen und festgenommen; wie immer wurden auch Blendgranaten und Gummigeschosse verwendet …

Aber wir beide konnten weder arbeiten noch miteinander sprechen. Wir saßen in unterschiedlichen Räumen und hielten unsere Smartphones in den Händen und scrollten wie verrückt die Nachrichten herunter, die schwer zu lesen und zu ertragen waren. Wir konnten nur unsere eigenen Seufzer hören.

Und mein Bruder war dort irgendwo mit seiner Freundin.

Du wolltest etwas Vernünftiges und Sinnvolles machen, also hast du Gemüse im nächsten Geschäft gekauft. Ich bin allein mit meiner Internet-Verbindung und der Gewalt der Polizei im Telegramm-Feed zurückgeblieben. Ich scrollte und scrollte,

Mitgenommen. Mich.

Diese beiden Nachrichten erhielt ich plötzlich von meinem Bruder um 16.13 Uhr. Dann eine Minute später von seiner Freundin: Pecia ist mitgenommen worden. Mir wurde kalt, als ich ihn mir auf dem Boden des Gefängniswagens vorstellte.

Aber wir  teilten einige weitere Nachrichten mit ihm:

16.26 Irgendwohin gefahren (Pecia)

16.27 Bist du geschlagen worden? (Ich)

16.28 Noch nicht (Pecia)

Seine Freundin Julia hatte sich mit ihm zusammen auf dem Feld unweit des Kurapaty-Denkmals befunden, als die Polizei in Schwarz und Grün in ihren Minibussen mitten auf den Rasen fuhr und Leute zu jagen begann. Ich hatte auf jene surreal anmutenden Fotos der Menschenjagd im Newsfeed gerade in dem Augenblick geschaut, als Pecia seine Nachricht schickte.

Julia sagte mir am Telefon, dass sie sich nicht so sehr für ein zartes Mädchen wie sie interessiert hätten, sondern dass mein Bruder die Art Person gewesen sei, die sie brauchten. Glücklicherweise sei die Fahne in ihrer Tasche gewesen, aber Pecia habe eine Blechtrommel in den Händen gehalten.

17.03 In welcher Polizeistation bist du? (Ich)

Während sich Julia im Auto eines Fremden auf dem Weg nach Hause befand, begann ich, aktiv zu werden. In Belarussland musst du die Checkliste „Was machen Sie, wenn Ihr Verwandter verhaftet worden ist“ auswendig kennen. Zuerst musst du die Menschenrechtsorganisation oder die Freiwilligen-Initiative über die Inhaftierung informieren (voller Name, Geburtsdatum, wo fand die Verhaftung statt) und dir den Telegramm-Sender Lists of the detainees in Akrescina_Žodzina_Baranaviy  [ Liste der Verhafteten in Akrescina_Žodzina_Baranaviy ] anschauen, wo der Name deines Verwandten oder Freundes aufgrund der Kooperation der Polizeistationen und Freiwilligen erwähnt sein könnte. Wenn die Kundgebungen vorbei sind, schauen die Belarussen immer diese langen Listen von Inhaftierten durch. Meistens findet sich auf dieser Liste ein Dutzend Namen von Leuten, die du kennst …

Dann musst du alle Polizeistationen anrufen, in denen er oder sie sich befinden könnte (obwohl sie dir in den meisten Fällen nichts sagen werden). Und wenn du endlich weißt, wo sich dein Verwandter befindet, kannst du versuchen, für ihn ein Paket abzugeben (notwendige Medikamente, warme Kleidung, ein paar Nahrungsmittel), aber sehr wahrscheinlich wird dies nicht erlaubt sein.

Und wir sollten Gott danken, wenn sich unsere Lieben nicht auf den Listen der Savecki-Polizeistation befinden, wo die Häftlinge im Innenhof lange Stunden mit ihren Händen an der Wand stehen müssen, sogar spät in der Nacht, wenn es kalt ist.

Pecia befand sich aber nicht auf den Listen von Perszamayski, Frunzenski, Savecki …

19.55 Baraulianski (Pecia)

19.56 Wir werden mit Julia zu dir kommen (Ich)

19.58 Aber ich weiß nicht, ob sie uns hierbehalten werden (Pecia)

19.59 Ok, verstanden

__

Und hier sind wir nun bei der Baraulianski-Polizeistation außerhalb von Minsk. Ihar hat uns und Julia im Auto mitgenommen. Wir sind froh, dass sie Pecia nicht sein Telefon weggenommen haben, denn zu seiner Station werden nur selten Personen geschickt, und wir wären sonst nicht darauf gekommen.

Im Auto zeigte uns Julia eine weiße Plastiktüte – ein Paket für Pecia. Sie erklärte, dass sie das Paket für ihren Freund vorbereitet hätten, aber es sei ihnen nicht gelungen, es weiterzugeben. Also legte sie etwas Unterwäsche hinein und schon sei es bereit für Pecia: eine Rolle Toilettenpapier, drei Zahnbürsten (auch für seine Zellgenossen), mehrere Schokolade- und Getreideriegel, den Rest kann ich nicht sehen …

Nur Verwandte dürfen Pakete für Häftlinge abgeben. Also gehe ich zum weißen Tor und drücke auf den Knopf. Eine junge männliche Stimme irgendwo in der Tiefe jenes hässlichen Gebäudes informiert uns, dass Pecia hier sei, und nein, sie nehmen keine Pakete an.

Also können wir nur warten, reden und beobachten, was da hinter den Balken des Betonzaunes passiert. Im Hof der Polizeistation steht die Büste eines Mannes. Ich sehe ihn nur im Profil und erkenne ihn nicht. Ist das Feliks Dzierżynski? Ich drehe mich hinter der Ecke des Zaunes um und schaue wieder die Büste an, aber es ist zu dunkel, um den Namen auf der Tafel zu lesen.

Ich versuche mir nicht vorzustellen, was mit Pecia und anderen Inhaftierten in genau diesem Augenblick in der Polizeistation passiert. Wir haben gesehen, wie ein riesiger roter Bus durch die Tore fuhr. Laut Julia ist es derselbe Bus, in den Pecia gepackt wurde. Wir schauen in seine Fenster, um zu überprüfen, ob darin die Kosmonauten sitzen, aber die Fenster sind mit Gardinen verhängt.

Um ca. 23 Uhr kommt der Polizeibeamte aus dem Tor, er hat ein Papier in der Hand. Es ist eine Liste von Festgenommenen. Er fragt, warum wir hier stehen, und sagt uns, dass unsere Lieben in der Polizeistation weder geschlagen noch gequält worden seien. Obwohl drei Krankenwagen gerufen worden sind und ein Mann wegen seiner Verletzungen ins Krankenhaus gefahren wurde. Aber er versichert uns erneut, dass sie in der Polizeistation nicht geschlagen worden seien. Der Beamte sagt, dass der Fall eines Mädchens noch immer in der Schwebe sei, ihre Verwandten könnten warten. Die übrigen Inhaftierten würden nach Žodzina transportiert. Dass wir hier herumstehen „verlangsamt die Arbeit der Polizei“. Wenn wir ihn unter dem Licht der Straßenlaterne in Ruhe ließen, würde er einem von uns erlauben, ein Foto von der Liste der Häftlinge zu machen.

Durch den Zaun erblicken wir einen weißen Gefängniswagen, der auf dem Areal der Polizeistation vor dem Eingang wartet. Die Türen sind offen und einladend. Wir beobachten, wie zwei Wächter lässig an seiner Seite gehen. Wir sehen außerdem, wie ein Krankenwagen durch die Tore geleitet wird und Ärzte aussteigen. Wir alle erleben mit, wie die schwarze Gestalt des Verhafteten mit seinen Armen hinter dem Rücken in den Wagen gedrängt wird. Dies ist nicht Pecia, es ist niemand, den einer von denen, die hier stehen und warten, kennt. Dann ist es wieder ruhig.

Dann kommt ein Mädchen aus dem Tor, sie ist schwach, ihre Freunde eilen zu ihr und umarmen sie. Ihr Gesicht ist rot von Tränen, ihr Bein scheint verletzt zu sein, aber sie ist glücklich, wieder frei zu sein. Obwohl sie weint, ist es ihr sehr wichtig, uns von jenen zu erzählen, die noch immer drinnen sind. Julia fragt sie nach Pecia, einen Musiker mit langen Haaren und einer Trommel.

— Ah, er sitzt dort in der Ecke. Er ist in Ordnung, er ist nicht geschlagen worden.

Es ist schon fast Mitternacht, als alle Verwandten und Freunde, die mit uns gewartet haben, in ihre Autos steigen und wegfahren. Vier von uns bleiben noch bei der Station. Ihar sieht sich Videos in seinem Auto an, er sollte nach der Augenoperation, die er vor einigen Wochen nach dem immensen Stress der Tage im August gehabt hat, nicht kalt werden. Du rauchst. Julia steht bei den Pfeilern des schmutzigen weißen Betonzauns: „Lass uns noch einige Minuten warten“, sagt sie. „Vielleicht werden wir ihn sehen. Vielleicht wird das bald passieren.“ Wir warten noch eine halbe Stunde, aber niemand wird mehr ins Auto hineingestoßen. Sitzt dieser Häftling da allein in der Dunkelheit? Um 0.30 willigt Julia ein, nach Hause zu fahren.

 

Am nächsten Tag, am Montag, nach einigen wenig erfolgreichen Anrufen bei der Polizei und weiterem Suchen sehen wir schließlich Pecias Namen auf der Liste der Inhaftierten von Žodzina. Dein Bruder schlägt freundlicherweise vor, uns alle drei dorthin mitzunehmen, es ist über 50 km von Minsk entfernt.

In der Nähe des Žodzina-Gefangenenlagers treffen wir die Freiwilligen. Sie fragen uns sofort nach dem Namen unseres Inhaftierten – ob wir ihn wohl nach Hause mitnehmen werden – und die Kontakttelefonnummer. Dann müssen wir warten.

Die Gerichtsanhörungen sind beendet und werden nur im Gefangenenlager abgehalten, keine Anwälte, kein Zeitplan, keine Namen von RichterInnen, die aus Kleinstädten gekommen sind, da es in Minsk einen Richtermangel gibt: Zu viele „Kriminelle“ werden im Land jeden Sonntag festgenommen. Es besteht Hoffnung, dass Pecia mit einer geringen Strafe davonkommen könnte (wir sind sicher, er wird für schuldig befunden), da es rund 500 Menschen im Gefangenenlager gibt, viel mehr, als es aufnehmen kann. Die Polizei wird freien Raum brauchen.

Während wir warten, gehen wir zu einem kleinen Shop auf der anderen Straßenseite. Hier finden wir alles, was ein Häftling brauchen könnte: einfache Lebensmittel, Zahnpasta, ein Shampoo, eine Seife, eine Packung Spielkarten … Man kann sogar eine Liste von Waren finden, die im Paket erlaubt sind, und die Regeln, wie gepackt werden sollte. Verwandte können hier Kaffee trinken und ein heißes Sandwich essen.

Wir essen, machen Witze über die merkwürdigen Namen der Sandwiches und reden. Plötzlich sehen wir den Namen von Pecias Freund, der auf der Liste der Freigelassenen auch nach Žodina transportiert worden ist. Julia und ich rennen nach draußen über die Straße, um ihn zu treffen, aber es stellt sich heraus, dass er kurz vorher mit einem freiwilligen Fahrer weggefahren ist.

Wir warten und warten und lesen Telegramm-Sender, sehen uns die Menschen vor Ort an, die gegenüber den Neuzugängen aus Minsk nicht sonderlich freundlich sind, wir wärmen uns im Auto auf und frieren draußen wieder, schauen hinüber zu den Freigelassenen und ihren glücklichen Verwandten und Freunden, die von weit her angereist sind …

Dann laufen Julia und du plötzlich zu den Toren des Häftlingslagers los: „Pecia!!!“ Und hier ist mein Bruder mit langem Bart und langem Haar mit seiner Blechtrommel in der Hand. Er lächelt wie immer, mit einem Loch im Knie nach der brutalen Festnahme, aber ansonsten heil.

Während wir sein wundes Knie versorgen, erzählt uns Pecia von seiner Verhaftung. Da waren 14 Personen in der Zelle, die für sechs bestimmt war. Sie schliefen auf eisernen Stockbetten ohne Matratzen oder Betttücher und das Licht blieb ständig angeschaltet. Es war ihnen nicht erlaubt, nach dem Aufwachen auf den Betten zu liegen, aber sie hatten kaltes Wasser und eine kaum abgeschirmte Toilette, die bloß ein Loch im Boden war. Am Morgen bekamen sie etwas merkwürdigen Porridge und süßen Tee vorgesetzt …

Als wir alle ins Auto steigen, sagt er uns stolz, dass seine Trommel von jedem Polizisten bespielt worden sei, den er getroffen habe. Plötzlich fällt uns ein, dass wir als Verpflegung für Pecia nur die Riegel im weißen Plastikpaket haben. Glücklich fängt er an zu essen und lässt Julias Hand nicht los.

Aber wir können jetzt nicht nach Hause fahren. Pecias Smartphone ist in der Baraulianski-Polizeistation eingezogen worden, bis er die Gebühr bezahlt. Also kommen wir an den furchterregenden Ort zurück, diesmal bei Tageslicht. Und während Pecia sein Telefon loslässt, lese ich schließlich durch die Stäbe des Zauns den Namen auf dem Schild: „Mikhail Frunze (1885–1925)“, der Vater der belarussischen Miliz.

Wir erreichen Minsk, als es bereits dunkel ist, dabei färben die orangen Straßenlaternen den trüben Himmel. Wir sitzen alle still und ernst im Auto. Pecia hatte wirklich Glück, wir hatten Glück, toi toi toi. Er war einer der mehr als tausend Festgenommenen an jenem Sonntag. Und Hunderte befinden sich immer noch in überfüllten Haftanstalten unter schrecklichen Bedingungen, vielleicht geschlagen und ohne medizinische Hilfe. Einige von ihnen bekommen Covid-19. Ungefähr 250 Strafverfahren wurden wahllos eingeleitet, nur weil die betreffenden Personen auf den Straßen protestiert hatten.

Und ihre Verwandten werden in langen, langen Reihen in Minsk, Žodzina, Baranavi y und in Mahiliou mit ihren unter 5 kg-Paketen stehen und warten müssen …

Als wir beide schließlich spät am Abend nach Hause kommen, atmen wir aus, wir umarmen uns, wir haben Glauben und Hoffnung noch immer nicht verloren.

 

(Aus dem Englischen von Dörte Eliass)