Lichtungen Cover163

Das Nichts hätte ich mir kühler vorgestellt

Nava Ebrahimi

 

 

 

 

Hallo?

 

Hallo?

 

Haaallo?

 

Hallooo!

 

Hallo! Ist da jemand?

 

Ja, hier!

 

Hier, hier auch!

 

Wo sind Sie?

 

Ja, ich, hier! Hallo? Hallo!

 

Hallo, ich bin hier! Hier!

 

Hallo! Wo ist hier? Ich sehe Sie nicht. Ich sehe überhaupt gar nichts.

 

Hallo! Wo sind Sie?

 

Hallo? Hallo? Ich höre Sie! Hören Sie mich auch? Hallo!

 

Hallo! Ja, aber ich weiß nicht wo ich bin. Wo sind Sie? Wo ist irgendwer?

 

Ich bin hier. Wo sind Sie?

 

Hier! Hier bin ich! Hier irgendwo.

 

Wo ist hier?

 

Das fragten Sie bereits. Ich weiß es nicht.

 

Offenbar wissen wir das alle nicht.

 

Wir haben keine Ahnung wo wir sind.

 

Ich kann nicht einmal sicher sagen, wo oben und wo unten ist.

 

Hallo, ich bin auch da! Hier!

 

Wo? Wo sind Sie? Ich bin hier.

 

Ich weiß es nicht. Wo sind Sie? Wieviele sind Sie? Ich meine: seid Ihr?

 

Hallo! Wer sind Sie?

 

Ja, wie viele sind wir?

 

Das ist kein Ort, an dem wir uns befinden.

 

Hallo? Ist da jemand?

 

Hallo!

 

Hallo. Ja, wir sind mehrere.

 

Aber wie viele?

 

Hallo. Ich bin auch hier irgendwo. Aber ich weiß nicht, wo.

 

Das ist ein Zustand.

 

Mir wird schwindelig.

 

Ich kann nichts sehen.

 

Hallo? Könnt ihr mich hören? Hallo? Hallo? Halllloooooooo?

 

Ja, wir hören dich, beruhig dich.

 

Und mich, hört ihr mich auch? Hallo?

 

Ich kann sehen, aber ich sehe nichts.

 

Das meinte ich ja, ich sehe nichts. Da ist nur weiß.

 

Es fühlt sich an wie auf Mescalin. Ein wenig zumindest.

 

Hören Sie, ich habe noch nie in meinem Leben Drogen genommen.

 

Noch nie, wirklich?

 

Ich wünschte, hier wäre irgendetwas. Wenigstens ein Strich. Eine Linie.

 

Etwas zum Greifen.

 

Ein Horizont.

 

Ja, genau, ein Horizont.

 

Stimmt, nicht einmal ein Horizont ist hier.

 

Oder ein Schatten.

 

Wir könnten einmal durchzählen, ich fange an. Eins…

 

Bin ich bei Bewusstsein? Ich fühle mich zumindest nicht ohnmächtig. Oder bin ich gar tot?

 

Ich glaube nicht, dass ich tot bin. Mein Handy hat Empfang.

 

Meins auch.

 

Meins auch.

 

Seid ihr sicher? Ich habe keinen Empfang. Es ist zwar an, aber ich habe keinen Empfang.

 

Stimmt. Sie haben recht.

 

Warten Sie…ich versuche mal…ich kann ein Selfie machen! Es ist nur ein wenig überbelichtet, aber das bin ich, klar und deutlich! Das bin ich!

 

Wenn Sie fragen, ob Sie bei Bewusstsein sind, frage ich zurück: Bewusstsein wovon? Hier ist ja nichts.

 

Wie meinen Sie das?

 

Ein Selfie? Irre. Warte…

 

Es ist so hell hier.

 

Ich auch! Ich bin drauf auf dem Foto! Krass.

 

Halt dich an mir fest.

 

Moment. Wer hat das gesagt?

 

Ich.

 

Wer? Wer? Wie sollen wir uns festhalten?

 

Ich, wir sind hier zu zweit.

 

Zu zweit?

 

Ja.

 

Wie bitte, euer Ernst?

 

Ja.

 

Das ist eine mal Information.

 

Zu zweit, das gibt es doch gar nicht!

 

Da unten, da, auf dem Boden, da liegt etwas. Nein, doch nicht. Ich dachte nur.

 

Ich friere. Ich hätte eine Jacke mitnehmen sollen.

 

Ich hab eine dabei.

 

Das bringt mir aber leider nichts.

 

Also ich fange noch einmal an: eins

 

Zwei

 

Die Temperatur ist eigentlich ganz angenehm. Das Nichts hätte ich mir kühler vorgestellt.

 

Absolut nichts.

 

Es gibt hier nichts.

 

Es gibt nicht nichts. Das Nichts ist immer noch etwas.

 

Hä?

 

Doch, uns gibt es.

 

Sind Sie sich sicher?

 

Ja, sonst könnten wir einander nicht hören.

 

Ihr könntet irgendwelche Stimmen in meinem Kopf sein.

 

Aber – aber – dann wärt ihr alle Stimmen auch in meinem Kopf. Also dieselben Stimmen in mindestens zwei Köpfen?

 

In drei.

 

Seht ihr, das kann nicht sein.

 

In vier.

 

Wir machen einen Test: Ich sage etwas, und ihr, Sie, wiederholt es alle gleichzeitig. Also: Wie seltsam, wie sonderbar. Auf drei. Eins, zwei, drei:

 

Wie seltsam, wie sonderbar.

 

Also; was habt ihr gehört?

 

Wie seltsam, wie sonderbar

 

Wie seltsam, wie sonderbar,

 

Wie seltsam, wie…

 

Okay, okay, ich glaube, das reicht. Damit wäre bewiesen, dass…also ich halte fest: Es gibt uns.

 

Es gibt…

 

Es gibt…

 

Es gibt…

 

Es gibt uns.

 

Nichts ist bewiesen.

 

Ich mochte immer gerne das französische „Il y a“.

 

Noch mal: Eins

 

Zwei

…zwei

 

Nein, nein, immer nur einer.

 

Was bringt es Ihnen, zu wissen, wie viele wir sind?

 

Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Erst einmal müssen wir die Information generieren. Information ist gerade alles, was wir haben.

 

Wenn wir dreizehn sind, ist es dann ein schlechtes Zeichen, oder was?

 

Bin ich vielleicht tot?

 

Wenn Sie tot sind, wer sind wir dann?

 

Vielleicht sind wir alle tot. Vielleicht hatte ich ja einen Herzinfarkt. Ich hatte schon einmal einen.

 

Wir sind mehr als dreizehn, würde ich tippen.

 

Meinen Sie?

 

Leute, echt, das ist doch vollkommen egal. Wir sollten lieber überlegen, wie wir diesem Zustand hier ein Ende bereiten.

 

Für das Herz ist das Leben einfach, es schlägt, so lange es kann.

 

Vielleicht sind wir nicht tot, vielleicht fühlt sich so die Unsterblichkeit an.

 

Ich finde, das fühlt sich nach Schlaflosigkeit an.

 

Ne, Schlaflosigkeit ist dunkel.

 

Ja, schon. Aber Schlaflosigkeit hat keinen Anfang und kein Ende. Keine Zeit, keinen Horizont. Sie ist einfach nur da und dehnt die Nacht zur Unendlichkeit. Das hier, das fühlt sich ganz ähnlich an.

 

Ist das von Ihnen?

 

 

Ist das von Ihnen?

 

…ähm, was meinen Sie? Das mit der Unendlichkeit?

 

Wer hat das gerade gesagt, das mit dem Herz, das schlägt, so lange es kann.

 

Ich.

 

Ist das von Ihnen?

 

Nein.

 

Aha. Hätte mich auch gewundert.

 

Wieso? Trauen Sie mir das nicht zu?

 

In so einem Nichts, so umgeben von nichts, etwas Geistreiches erschaffen, das halte ich für höchst unwahrscheinlich.

 

Ihr redet alle so neunmalklug daher!

 

Ja, ihr Experten, lasst uns lieber den Ausgang suchen!

 

Ach ja, Ausgang, klar, folgen wir einfach den Exit-Schildern, wieso sind wir da nicht früher drauf gekommen…

 

Aber wartet auf mich, ich hole nur schnell noch mein Gepäck am Baggage Claim.

 

Hahaha.

 

Also wenn wir hierher gelangt sind, dann müssen wir doch auch irgendwie wieder hier weg gelangen können, oder nicht?

 

Ja oder nicht?

 

Dieses physikalische Gesetz ist mir nicht bekannt.

 

Wenn es einen Eingang gibt, dann muss es doch auch einen Ausgang geben, das meine ich.

 

Ich gehe jetzt einfach mal ein paar Schritte geradeaus.

 

Wenn jemand eine Tasse gegen die Wand wirft und die Tasse zerbricht und landet auf dem Boden, dann kann man den Vorgang nicht auch einfach rückgängig machen.

 

Stimmt, genauso fühlt es sich an, wir wurden hier hingeworfen.

 

Ja, so fühlt es sich an!

 

Genau, genau so!

 

Irgendwas, irgendwer hat uns hier hingeworfen.

 

Und jetzt müssen wir sehen, wie wir klar kommen.

 

Scheiße.

 

Ich kriege Angst. Stellt euch vor, wir bleiben für Ewigkeiten gefangen in diesem… in diesem Zustand.

 

Und wir können nichts tun.

 

Nein, absolut nichts.

 

Aber man kann doch immer etwas tun.

 

Nein, wir können nur warten.

 

Wir können zum Beispiel Sätze ohne e bilden.

 

Sätze ohne e? Willst du uns verarschen?

 

Das ist nur ein Beispiel. Ich wollte damit sagen: Wir können vieles tun. Alles, eigentlich.

 

Alles und nichts.

 

Schrecklich.

 

Sätze ohne e…

 

Wieso ausgerechnet ohne e?

 

Ist mir spontan eingefallen. Meinetwegen auch ohne a.

 

In Meinetwegen stecken echt sehr viele e.

 

Sie haben gerade in diesem kurzen Satz zehn e gebraucht.

 

Und nur einen einzigen anderen Vokal.

 

Bravo.

 

Elf, sie haben das letzte e vergessen zu zählen.

 

Mehr schafft mehr?

 

Leute, macht, was ihr wollt, vertreibt euch die Zeit, spielt eure seltsamen Spielchen, aber da ist nichts zu machen. Wir können nur warten.

 

Fragt sich nur, worauf.

 

Wenn jetzt jemand diesen Namen mit G sagt, schreie ich so laut, dass ihr euch die Ohren zuhalten müsst.

 

G? Wer ist dieser… dieser G?

 

Erkläre ich dir, wenn wir hier raus sind.

 

Mein Gott, was lernen die Kinder denn heute in der Schule?

 

Ich bin kein Kind, ich wäre morgen 26 Jahre alt geworden.

 

Morgen…Morgen klingt wie aus einer anderen Welt.

 

Umso schlimmer, dass Sie noch nie von „Warten auf Go…G.“ gehört haben. Das ist Weltliteratur.

 

Frau, die du ein paar Schritte einfach mal geradeaus gegangen bist: Wohin bist du gelangt?

 

Nirgendwohin. Es ist alles so, wie überall. Hier ist da und da ist dort. Drei Schritte haben mir zu dieser Erkenntnis gereicht.

 

In drei Schritten zur Erleuchtung, haha.

 

Ich verstehe nicht, wie man das hier witzig finden kann.

 

Ganz ehrlich, ich auch nicht.

 

Mir ist eher zum Heulen zumute.

 

Mir ist es unheimlich.

 

Ich hatte so viel vor. Heute, morgen, die ganze Woche. Überhaupt. Ich hatte so viel vor in meinem Leben. Und jetzt stecke ich, hänge ich hier fest, gefangen im Nichts.

 

Na ja, einer gewissen Absurdität entbehrt unsere Situation nicht.

 

Absurd, absurd, alles ist immer absurd. Absurd ist das am häufigsten falsch verwendete Wort.

 

Ob das hier absurd ist oder nicht, hängt vor allem davon ab, wie es ausgeht, stimmt’s?

 

Danke. Danke. Danke.

 

Wofür?

 

Dass Sie nicht „Stimmt’s oder habe ich recht“ gesagt haben.

 

Absurdität kennt kein Ende im klassischen Sinne. Absurdität bedeutet immer: Dauerschleife.

 

Oh mein Gott. Euer pseudointellektuelles Geschwafel bis in alle Ewigkeit, das halte ich nicht aus.

 

Hören Sie, Ihre Aggressivität bringt uns jetzt überhaupt nicht weiter.

 

Manche Menschen halten es einfach gar nicht mit sich selbst aus.

 

Mit sich selbst? Hä? Ihr plappert doch alle die ganze Zeit.

 

Gut, wenn das so ist…

 

Ja, wir können auch schweigen.

 

………

 

Hallo? Seid ihr noch da?

 

Ja.

 

Ja, leider.

 

Statt zu streiten sollten wir unsere Energie lieber dafür verwenden, um diesem Zustand ein Ende zu setzen.

 

Ich weiß nicht, aber das klingt irgendwie nach kollektivem Selbstmord. Können wir das bitte anders formulieren?

 

Meinetwegen. …um hier raus zu kommen-. Was immer das „Hier“ sein mag.

 

Wir sollten systematischer vorgehen. Wir waren eben kurz an einem interessanten Punkt.

 

Muss ich verschlafen haben.

 

Ruhe jetzt.

 

Der Punkt. Mit der Tasse.

 

…die an die Wand geworfen wird?

 

Genau. Liege ich falsch, oder war dieses Gefühl des Geworfenwordenseins das einzige, das wir hier alle teilen konnten?

 

Ja. Ich meine: nein.

 

Also ich fühle mich geworfen.

 

Ich auch.

 

Ich auch.

 

Ich auch.

 

Sogar irgendwie auch an die Wand geworfen, wie die Tasse.

 

Ja, irgendjemand oder irgendwas hat uns aus unserem Zusammenhang gerissen und an die Wand geworfen.

 

Ich würde sagen, es muss eine Person gewesen sein.

 

An eine weiße Wand. Das macht Sinn, das macht verdammt viel Sinn.

 

An eine weiße Wand? Dann wären wir doch jetzt platt.

 

He, ich bin nicht platt.

 

Jetzt, wo du es sagst; ich fühle mich erstaunlich dreidimensional in dieser zweidimensionalen Umgebung.

 

Und wieso sollte das jemand tun? Ich meine: uns an eine Wand werfen?

 

Menschen tun seltsame Dinge.

 

Menschen tun unnatürliche Dinge.

 

Menschen sind die einzigen Lebewesen, die in der Lage sind, unnatürliche Dinge zu tun.

 

Ja. Bist du deppert.