Lichtungen 164_Titel

Rectify: „Oh my God, Charlie Darwin“

Horst Waggershauser

„Der schwellenüberschreitende und rahmende Blick aus dem Fenster erweist sich als Dispositiv für die Herstellung von Individualität in der Kultur. Es ist, so könnte man paradoxerweise behaupten, die Erfindung von Innerlichkeit, die sich allererst im Blick hinaus durch das gerahmte Fenster einstellt. Der Fensterblick verwandelt Natur in Kultur.“

Gerhard Neumann

Während der ersten Szene der ersten Folge kann Daniel dabei beobachtet werden, wie er durch ein kleines Fenster schaut. Er sitzt wegen Mordes an seiner Freundin Hanna. Gleich wird er aus dem Gefängnis, aus der Todeszelle, entlassen werden. In dem Fall sind nach beinahe 20 Jahren neue Beweise aufgetaucht. Jetzt aber sieht er durch das Fenster in seiner Zelle einen Justizvollzugsbeamten, der im Gang einen anderen Häftling anschaut. Der andere Häftling dreht sich weg, beugt sich nach vorne und faltet dann seine Pobacken auseinander. Diese Rektalsichtprüfung erweckt in mir mittlerweile ein Entzücken, das mir selbst nicht ganz geheuer ist. Ist die Aussicht auf ein Arschloch am Anfang der Serie ironisch gemeint, weil es dem Titel nach um so etwas wie Wiedergutmachung geht, aber to rectify („geradebiegen“) in dem dargestellten Kontext andere Assoziationen zulässt? Doch Desillusionshochmut passt nicht zu Rectify.

Cloe ist Daniels Freundin, die er erst kennenlernt, als er sich während seines Resozialisierungsprogramms einer Künstlergemeinschaft anschließen will. Sie tritt dementsprechend spät als Figur in Erscheinung und gegen Ende der letzten Staffel liest sie Daniel richtiggehend die Leviten: „There’s this shame all around you, all the time,   and you don’t want to let it go!“ Er solle sich nicht länger dagegen sträuben eine Therapie zu beginnen, meint sie sinngemäß, damit er endlich eine Persönlichkeit entwickeln könne. Cloes bewegt vorgetragene Worte könnten als resümierende Kritik des Serienschöpfers Ray McKinnon an der von ihm entwickelten Figur Daniel Holden verstanden werden. Rectify ist nämlich vor allem eines: Die Beschreibung eines Kampfes des Protagonisten mit seinen allgegenwärtigen Schamgefühlen, die ihm – und hier wird die Selbstbezogenheit dieses Affekts offenbar – gleichzeitig als Platzhalter für seine Persönlichkeit dienen. Wie McKinnon in einem Interview erklärt hat, geht es ihm aber eher darum die Erwartungen, denen sich Daniel ausgesetzt sieht, zu hinterfragen: „All of these people in Daniels world that he comes back to, have expectations of who he is and what he should be.“

Zunächst sind es die Erwartungen einer Reihe von Gegenspielern, die Daniel nicht in die Hände spielen. Alte Bekannte von früher müssen nach Daniels Freilassung befürchten, selbst wieder als Täter ins Visier zu geraten. Die trauernde Mutter des Mordopfers hat sich in der Zwischenzeit einen melancholischen Racheengel als Sohn heranerzogen. Presse, Justiz und Politik haben den Fall auch noch nicht abgeschlossen. Der Gouverneur von Georgia zum Beispiel möchte weiterhin politisches Kapital aus dem Fall schöpfen und arbeitet auf eine erneute Inhaftierung Daniels hin. Sie alle brauchen ihn – jeweils aus ihren unterschiedlichen Motivlagen heraus – in der Rolle des Vergewaltigers und Mörders. Es ist deshalb sofort einleuchtend, wenn McKinnon über diese Figuren in Rectify sagt: „They’re all projecting onto him their own interests and, you know, he’s just trying to get through the day.“ Der Satz bezieht sich aber nicht nur auf Daniels Gegenspieler, sondern auch und gerade auf Figuren, die ihm näher stehen.

Wenn Cloe Daniel bittet, er solle sich eine Persönlichkeit zulegen, dann ist das aus ihrer Perspektive ebenso nachvollziehbar wie aus meiner als Zuschauer, vor allem wenn durch die fortlaufende Passivität der Hauptfigur Längen entstehen, die man bedauerlich finden kann. Cloe wünscht Daniel ein selbstbestimmtes Leben frei von schlechten Gefühlen. Doch die Plausibilität dieser Erwartungshaltung wird zum Kippphänomen, weil in der Serie zwei logische Ebenen ineinander greifen. Auf der einen Ebene wird die Frage erörtert, was mit einem über einen langen Zeitraum isolierten Rückkehrer in das Umfeld, das er als Jugendlicher verlassen musste, geschehen könnte, die andere Ebene bezieht sich auf das Gegensystem absurder Selbstwahrnehmung: Welche Folgen hat es für jemanden, der sich selbst im Grunde als abwesend begreift, trotzdem irgendwie da zu sein? Für einen Rückkehrer, der gebrochen ist und Anschluss sucht an eine Gemeinschaft von Unversehrten, ist Cloes Vorschlag, er möge sich um sein Schamproblem kümmern, vielleicht hilfreich. Cloes Hilfestellung wird jedoch zu einem Teil von Daniels Problem, wenn Cloes eigene Zerrissenheit aus ihr spricht. Ihr eigener Wunsch nach einem kongruenten Ichgefühl wird dann zu einer an Daniel gerichteten Erwartung, die er nicht erfüllen kann.

Eine Szene macht besonders deutlich, wie sehr Daniels Eindruck lebendig nicht da zu sein das Thema der Serie prägt. Zwischen Daniel, seiner Schwester Amantha und Tawney – der religiös ambitionierten Frau seines Halbbruders – entwickelt sich eine  spirituelle Dreiecksgeschichte. Tawney sieht in ihrem freigelassenen Schwager das Taufobjekt ihrer Begierde. Sie drängt darauf, dass Daniel sich in ihrer Kirchengemeinde taufen lässt. Vielleicht ist es aus Zuneigung zu ihr, jedenfalls möchte er sich schließlich taufen lassen. In einem der seltenen Momente, in denen es aus Daniel herausbricht, entgegnet er wiederum Amantha, die ihn – weil sie natürlich sieht, dass es nicht sein eigener, sondern primär Tawneys Wunsch ist, der Daniel gerade treibt – von der Taufe abbringen möchte: „I don’t know how you want me to be! I’m not even sure if I’m alive.“ Der Gefühlsausbruch wirkt wie eine Einlassung vor einem Gericht, das über fahrlässig verschwendetes Selbstbewusstsein befindet. Ist Daniels Unsicherheit überhaupt lebendig zu sein nun als Normabweichung, etwa als Trauma bedingte Dissoziation, lesbar, oder ist es umgekehrt? Wird alles andere außer Daniels Äußerung einer absurden Selbstwahrnehmung als Normverletzung dargestellt? Argumentiert man aus der letztgenannten Perspektive heraus, dann ist es unerheblich, ob Daniel sich nun einer Therapie unterzieht, sich taufen lässt, oder nicht, weil er die von seiner Umwelt vorausgesetzte und eingeforderte Innerlichkeit ohnehin nur als mehr oder weniger glaubhaften Schein entwickeln kann, solange alle Beteiligten, inklusive Zuschauer, an Konzepten wie Individualität, Selbstfindung oder tätiger Integration in die Gesellschaft festhalten. Damit sind Vorstellungen zur Diskussion gestellt, die mit dem seit der Moderne etwas in Verruf geratenen Bildungsroman in Verbindung stehen. Auf faszinierende Weise verkörpert auch Cloe – als sonst durchweg ironische Künstlerin – mit ihrem Festhalten am eigentlich verschwundenen Subjekt die Hartnäckigkeit solcher Vorstellungen. Sie gehört damit zu den vielen unter den wohlmeinenden Figuren in Rectify, die für Daniel eine Drohkulisse aus Interessen und Projektionen darstellen. Faszinierend finde ich das, weil ich denke, dass sich die Serie mehr an Daniels Haltung orientiert als an Cloes Verantwortungsethik und doch feiern in Rectify am Ende die Werte des Bildungsromans eine – wenn auch zerrupfte – Renaissance.

Erneut ein Blick durch ein Fenster am Anfang einer Folge. Daniel lag zwischenzeitlich im Koma, weil er eine unheilvolle Begegnung mit dem Bruder des Mordopfers – dem melancholischen Racheengel – hatte. Aus dem Krankenhaus entlassen sucht er nun nach Beschäftigung im verlassenen Elternhaus. Er beginnt die Fenster im Wohnzimmer zu putzen. Auf der anderen Straßenseite knackt es, dann bricht ein Ast von einem Baum ab und fällt auf das Grundstück des Nachbars gegenüber. Daniel verfolgt die Szene ähnlich wie in der Eingangsszene, mit mimischer Ausdruckslosigkeit. Was Daniel dabei genau durch den Kopf geht, bleibt dennoch nicht ganz Spekulation. Die Folge, es ist die dritte der zweiten Staffel, heißt Charlie Darwin und sie ist benannt nach einem Song der Band The Low Anthem, der am Ende der Folge auch eingespielt wird. Er handelt von einem Seefahrer, den auf hoher See plötzlich Panik ergreift: „As far as I can see, there is no land / Oh my god / The water’s all around us / Oh my god, it’s all around.“

Bereits der Songtitel Oh my God, Charlie Darwin verweist auf ein übergeordnetes Thema der Serie, in der nachgespürt wird, wie sich mythisch-sakrales und aufgeklärt-rationales Denken unweigerlich und unabhängig davon, wie sich die Figuren in dieser Hinsicht selbst einschätzen mögen, gegenseitig immer wieder durchdringen. Das Lied und die Szene, in der Daniel durch das Fenster auf den herabbrechenden Ast blickt, thematisieren überwältigende Erscheinungen, die ästhetisch erhaben, also mit einem aus Unlust und Lust gemischten Gefühl, erfahren werden können. Wenn Daniels Blick aus dem Zellenfenster auf die Rektalsichtprüfung mit seinem Blick aus dem Wohnzimmerfenster auf den Baum in einen Zusammenhang gebracht werden, dann schließt sich ein Kreislauf, der wie der Motor der Serie wirkt: Scham über introspektive Erkenntnislosigkeit wird der Erschütterung des Erhabenen zugänglich gemacht – und wenn ich vorhin mit ein wenig Skepsis darauf zu sprechen kam, wie Rectify in die Beschreibung eines Kampfes des Protagonisten mit seinen immer gleichen Schamgefühlen abzudriften droht, so war zugegebenermaßen etwas Verstellung dabei. Für mich beinhaltet ein früher Text Kafkas mit dem Titel Beschreibung eines Kampfes nämlich eine besonders schöne Erklärung für die Faszination, die von Daniel und der Serie Rectify ausgeht. An einer Stelle der Erzählung berichtet ein frisch Verliebter seiner Geliebten, warum er sich nachts auf Spaziergängen mit dem Erzähler herumtreibt, den er nur flüchtig kennt:

 

Er ist vielleicht unglücklich und darum schweigt er still und doch ist man neben ihm in einer glücklichen Unruhe, die nicht aufhört. Ich war ja gestern gebeugt von eigenem Glück, aber fast vergaß ich an Dich. Es war mir als höbe sich mit den Athemzügen seiner platten Brust die harte Wölbung des gestirnten Himmels. Der Horizont brach auf und unter entzündeten Wolken wurden Landschaften sichtbar endlos, so wie sie uns glücklich machen.

 

Genauer gesagt fantasiert der Erzähler hier − ein schweigender Erzähler − was sein Begleiter nach einem Spaziergang mit ihm zu seiner Geliebten sagen könnte, aber das will ich nicht weiter vertiefen. In dem Lied Oh my God, Charlie Darwin wird der Horror abwesender Landschaften („The water’s all around us“) so hypnotisch besungen, bis sich ebenfalls, zumindest gefühlt, ein Blick auf „unter entzündeten Wolken“ liegende Landschaften auftut − und dort, wo Daniels traumatisierte Selbstwahrnehmung kollabiert, wird in seiner Abwesenheit so etwas wie die Idee einer Persönlichkeit greifbar.

Mit seinem Impuls, die Fenster des verlassenen Hauses zu putzen, folgt Daniel übrigens Cloes Anliegen, lange bevor sie eine echte Persönlichkeit von ihm einfordert. Er verlässt das Zimmer, in das er sich verkrochen hatte, den Bunker des beschämten Subjekts. Auch die Gefängniszelle ist als Scham-Metapher lesbar, als Ort einer Unlustreaktion, die dem Wunsch entspringt, an einem fragwürdigen Geschehen nicht beteiligt gewesen zu sein. Mit solchen Bildern werden komplexe wie alltägliche Schutzreaktionen dargestellt. Meistens legt sich der Sturm wieder und wir steigen aus eigenen Kräften heraus aus diesem anderen Ort, aber im Zweifel bleibt es der Rückzugsort eines sich in der Folge als unecht erlebenden Menschen. Daniel versucht mit der Fensterputzaktion aus seinem panic room herauszufinden, es sich quasi in sich selbst wohnlich zu machen, seine Individualität in der Kultur herzustellen, bis er sieht, wie der Ast vom Baum fällt.

 

Quellen:

 

Kafka, Franz: Nachgelassene Schriften und Fragmente I. Fischer. Frankfurt am Main, 1993.

 

Neumann, Gerhard: Kafka-Lektüren. De Gruyter. Berlin, Boston, 2013.

 

Rectify. Sundance. [New York], 2013-2016.

 

„Rectify: Ray McKinnon on Characters & Culture“. On Story. Staffel 4, Folge 9. Austin Film Festival. Austin, 2014.

 

The Low Anthem: Oh My God, Charlie Darwin. Nonesuch / Bella Union.  Burbank, London, 2009.