AUSGABE
#186 / 2026
Liebe Leserin, lieber Leser!
Aus dem Bereich der Umweltwissenschaften stammt der Begriff des „Shifting Baseline Syndrome“. Er beschreibt, dass Menschen die aktuell von ihnen erlebte Umwelt als natürlichen Referenzpunkt ansehen und so schleichende Verschlechterungen nicht als solche wahrnehmen. Wenn also Ihre Urgroßmutter heute durch den Garten ginge, durch den sie zu ihrer Zeit bereits gegangen ist, fiele ihr sofort auf, um wie viel weniger Insekten, Vögel, Getier es darin gibt. Sie aber merken das nicht, weil Ihr Jetztzustand ein anderer ist: mit weniger Insekten, Vögeln und Getier.
Den Kunst- und Kulturakteur:innen in der Steiermark stehen massive Kürzungen ins Haus. Die Landesabgabe zum ORF-Beitrag soll abgeschafft werden, weil Landeshauptmann Kunasek (FPÖ) das möchte. Die Landesabgabe (monatlich 4,70 Euro) ging aber bislang nicht an den ORF, sondern in die Kultur und (zu einem kleineren Teil) in den Sport. Anfangs hieß es noch, der Ausfall würde kompensiert, verbindliche Aussagen dazu gibt es aber keine.
Wenn Menschen, die über Jahre hinweg mit Herzblut und unter prekären Umständen die Kultur in der Steiermark (in Graz genauso wie im ländlichen Raum) mitgestaltet haben, das nicht mehr tun können, werden ihr Wissen, ihre Erfahrung, ihr überregionales Netzwerk still verloren gehen.
Würde es Ihnen denn auffallen, wenn es plötzlich eine Literaturzeitschrift, einen Theaterverein weniger gibt? Bestimmt würden Sie bemerken, wenn die Lichtungen nicht mehr ins Haus flattern,* aber insgesamt fiele einem nicht auf, dass es plötzlich weniger künstlerische Vielfalt gäbe. Das Shifting-Baseline-Syndrom käme zum Tragen.
In der Steiermark haben sich die Kunstschaffenden lose in der Plattform #Kulturlandretten zusammengetan. Hier finden Sie weitere Informationen sowie die Möglichkeit, eine Petition gegen die Abschaffung der Landesabgabe zu unterzeichnen: kulturlandretten.at
Darüber hinaus und wie immer hoffen wir in der Redaktion der Lichtungen, Sie haben an dieser Ausgabe genauso viel Freude wie wir!
Andrea Stift-Laube
* An dieser Stelle ein großer Dank an unsere Abonnent:innen: DANKE für Ihre Unterstützung!
INHALTSVERZEICHNIS HEFT 186/47. Jg./2026
Schwerpunkt:
Die Sprache ist die Strafe. Im Dialog mit Ingeborg Bachmann
EDITORIAL
Andrea Stift-Laube
POESIE AN UNVERMUTETEN STELLEN
Clemens J. Setz
Folge 27: Mein Kanon (Teil 1)
LITERATUR
Saber Sadipour
Gedichte
Aus dem Farsi und Englischen von Anna Hoffmann
Simone Scharbert
alphabet des wassers
Arunank Latha
Gedichte
Aus dem Telugu von Peter Constantine und Arunank Latha
Rainer Stolz
Gedichte
Ingrid Zebinger-Jacobi
Als Mutter nicht hier war
Gábor Fónyad
Die sich lieben, die sich hassen
Aus dem Grammatischen Journal
Lilly Jäckl
Arnos Abend
Miljenko Jergović
Der Uhrmacher
Aus dem Bosnischen von Brigitte Döbert
Florian Mittl
Aadil
Was wir lesen
Stefan Schmitzer, Grzegorz Kielawski, Marlene Gölz
EMIL-BREISACH-PREIS 2025
Lisa Bolyos
Zinnober
SCHWERPUNKT
Die Sprache ist die Strafe. Im Dialog mit Ingeborg Bachmann
Aus dem Rumänischen von Manuela Klenke und Alke Stachler
Andra Rotaru
Einleitung
Mina Decu
elle est devenue muette
Andrei Dósa
Gedichte
Domnica Drumea
Schreib mir ein paar Zeilen,
Ingeborg
Cătălina Matei
Gedichte
Livia Ștefan
j’écris sur la nature du feu
George State
Unsere Gottheit (Fragmente)
KUNST
Astrid Kury / Helwig Brunner
Zum Kunstbeitrag von Christian Eisenberger und Siljarosa Schletterer
Christian Eisenberger
wie teer ruhn gähn
Siljarosa Schletterer
: oder / bildbrüchig verwandt /
Remixes zu C. Eisenberger
ZEITKRITIK / ESSAY
Sophia Lunra Schnack
Vom Entgatten der Gattungen
ABSPANN
Bettina Gärtner
„There is not much happening“
Über das britische Comedydrama detectorists und mich
KURZBIOGRAFIEN
& Impressum